11.02.2016

Blei im Trinkwasser

Das Problem ist seit Jahren bekannt: Alte Bleirohre im Haus und in der Wohnung sowie Armaturen, die Schwermetalle ins Wasser abgeben sind die Hauptursache für belastetes Trinkwasser. Doch ein Austausch der Wasserleitungen ist teuer! Können Vermieter dazu gezwungen werden?

„Erhöhte Werte im Trinkwasser bei Blei und Nickel; jede fünfte analysierte Wasserprobe weist Überschreitungen auf“ schrieb die Aqua Quality Austria (AQA) in einer Aussendung zum Weltwassertag am 22. März. Für eine statistische Auswertung ließ die AQA 30.000 Wasserproben analysieren. Bei 21,6 % wurde eine Überschreitung der Grenzwerte nachgewiesen, in erster Linie Blei und Nickel. Negativer Spitzenreiter beim Bleiwert ist Wien, wo jede vierte im Labor eingelangte Wasserprobe (27,3 %) Überschreitungen aufweist. Die meisten positiv getesteten Proben kamen aus dem 1., 4., 6 und 9 Bezirk. Es ist jedoch anzunehmen, dass alle Bezirke mit hohem Altbautenbestand ähnliche Probleme haben.

Strengerer Grenzwert seit 2013

Im Jahr 2013 wurden die Grenzwerte für Blei im Trinkwasser gesenkt. Lag dieser zuvor bei 0,025 Milligramm Blei pro Liter Trinkwasser, so gilt seit 1. Dezember 2013 der neue Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Liter. Dieser Wert entspricht der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Rund die Hälfte der aktuell beanstandeten Proben liegt zwischen dem alten und dem neuen Grenzwert. Dies bedeutet, dass insgesamt jede siebte Probe über dem alten Grenzwert von 0,025 Milligramm Blei pro Liter liegt. An diesem Wert hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert, wie Mag. Thomas Schlatte von AQA erklärt.

Die tägliche Aufnahme von kleinen Mengen Blei über das Trinkwasser kann nach einiger Zeit zu einer chronischen Bleivergiftung führen. Das Blei lagert sich im Gewebe, in den Zähnen und in den Knochen ab. Die Folgen einer Bleivergiftungen sind Schäden am vegetativen Nervensystem mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit oder Müdigkeit. Im Lauf der Zeit kommt es zu Nierenschäden. Insbesondere bei Kindern kann Bleivergiftung auch zu Schäden im Gehirn führen, zu Hyperaktivität, Konzentrationsschwächen, Sprachproblemen und allgemein verminderter Intelligenz.

Wie kommt das Blei ins Wasser?

Blei und Nickel kommen über Wasserleitungen und Armaturen ins Trinkwasser. Rohrleitungen aus Blei finden sich in vielen Altbauten. Erst in den 1970er Jahren wurde das Verlegen von Bleirohren für die Trinkwasserversorgung verboten. In Wien wurden seit 2007 im öffentlichen Wassernetz alle Bleirohre ersetzt. Bleibelastungen sind also ein Problem der „Last Mile“, sie entstehen durch Leitungen und Armaturen innerhalb des Hauses und der Wohnungen.

Immer wenn Wasser längere Zeit mit Blei in Berührung kommt, löst sich etwas von dem giftigen Metall. Je länger das Wasser in den Bleileitungen steht desto mehr Blei wird gelöst. Deshalb ist vor allem das „Stagnationswasser“ ein Problem – jenes Wasser, das mehrere Stunden in der Leitung bleibt. Vor allem über Nacht reichert sich das Stagnationswasser mit Blei an. Hat man den Verdacht, dass die Leitungen aus Blei sind, sollte man das Wasser deshalb ablaufen lassen, bevor man es trinkt oder damit Speisen zubereitet. Unter Umständen reichte es wenn man in der Früh duscht bevor man der Leitung Wasser für Kaffee oder Tee entnimmt. Als Faustregel gilt: Das Wasser so lange laufen lassen, bis nur mehr kaltes Wasser aus dem Hahn kommt und sich die Temperatur nicht mehr ändert.

Bei mittlerem bis hartem Wasser setzt sich mit der Zeit Kalk im Inneren der Rohre ab. Das verengt den Querschnitt, was zu einem unerwünschten Abfall des Druckes führt. Auf der anderen Seite verhindert eine Kalkschicht den Kontakt des Wassers mit Metall. Alte Bleirohre (beispielsweise in Gründerzeitbauten) geben deshalb oft weniger Blei ab als Rohrsysteme aus den 1970er Jahren.

Wie kann man feststellen, ob die Rohrleitungen aus Blei sind? In Gründerzeithäusern liegen im Keller die Leitungen in der Regel frei. Bleileitungen sind silbergrau, wenn man an ihnen klopft klingen sie dumpf und nicht metallisch. Blei ist sehr weich und lässt sich mit einer Münze oder einem Schlüssel ritzen. Weitere Kennzeichen sind charakteristische Wülste an den Schweißnähten und weich gebogene Knie und Kurven.

Sicherheit bringt eine Analyse des Trinkwassers, wie sie von zugelassenen Trinkwasseruntersuchungsstellen durchgeführt wird – Wien zum Beispiel vom Labor für Umweltmedizin (32,52 Euro für eine Probe).

Armaturen als Schadstoffquellen

Auch handelsübliche Armaturen aus Materialien wie Kupfer und Zink geben oft Blei ab, da dem Material  Blei zugesetzt wird, um es leichter bearbeiten zu können. Die Bleibelastung tritt sowohl bei teuren Markenarmaturen als auch bei No-Name-Produkten auf. Prüfzertifikate sagen nur etwas über die Verarbeitung aus, nicht über die Bedenkenlosigkeit des Materials. Diese Problematik wird von den Armaturen-Herstellern kaum wahrgenommen, wie Stephan Bruck, Geschäftsführer der Aqua Quality Austria ausführt: „Wir appellieren schon seit Jahren an die Armaturenindustrie, verlässliche Lösungen zu entwickeln. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht.“

Nickel - ein österreichweites Problem

Grenzwerte für chemische und mikrobiologische Parameter sind in der österreichischen Trinkwasserverordnung definiert. Sie ist eine Umsetzung der der EU-Richtlinie über Wasserqualität in nationales Recht. Für Nickel sieht die Trinkwasserverordnung einen Grenzwert von 0,02 mg/l vor. Auch dieser Wert wurde bei einer nicht zu vernachlässigenden Anzahl von Proben überschritten. Nickel im Trinkwasser ist ein Problem, das fast ausschließlich auf Armaturen zurückzuführen ist und das in ganz Österreich anzutreffen ist.

Die Verantwortung des Eigentümers

Prinzipiell sind Hauseigentümer dafür verantwortlich, dass Wohnungen kein Gesundheitsrisiko bergen. In Deutschland sind Hausbesitzer dazu verpflichtet, die Rohre zu tauschen, wenn eine Überschreitung des Grenzwertes vorliegt. In Österreich ist die Sache nicht so eindeutig. Eine Entscheidung des OHG aus dem Jahr 2004 sieht es als zumutbar für Mieter an, das Wasser eine Minute lang rinnen zu lassen um Stagnationswasser abzulassen. Dies sei nur ein geringfügiger Aufwand und der Vermieter somit nicht verpflichtet, die Rohrleitungen auszutauschen.

Mit der Senkung des Grenzwertes für Blei auf 0,01 Milligramm pro Liter im Jahr 2013 könnte eine neue Situation entstanden sein. Dadurch ist es zu einer Änderung des Gesundheitsstandards gekommen, der nachträglich zu einer Unbrauchbarkeit des Bestandsobjekts führen könnte. Bei Bleibelastung des Trinkwassers hat der Mieter somit ein vorzeitiges Auflösungsrecht. Ob Vermieter darüber hinaus zum Tausch von Bleirohren verpflichtet werden können, ist laut Wiener Umweltanwaltschaft noch nicht ausjudiziert.