30.11.2018

Radon - eine unterschätzte Gefahr?

Radioaktivität ist Teil unseres Lebens und sie ist allgegenwärtig. Es ist aber auch eine Tatsache, dass radioaktive Strahlung gesundheitsschädlich ist. Ein Beispiel dafür ist das radioaktive Gas Radon, das sich in Gebäuden anreichern kann.


„Vielen Menschen ist das Problem von Radon in der Atemluft nicht bewusst“,  erklärt Dr. Wolfgang Ringer von der Abteilung Radon und Radioökologie  der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES. „Eine unserer Hauptaufgaben ist es, darüber zu informieren.“


Radon entsteht, wenn Uran zerfällt, das als Spurenelement praktisch überall in der Erdkruste vorkommt. Im Freien wird Radon sehr rasch verdünnt und richtet kaum Schaden an. Erst wenn es sich in der Atemluft in Gebäuden anreichert wird es zum Problem. Das ist vor allem in geschlossenen Räumen der Fall.
Radon ist in Österreich für rund zehn Prozent der Lungenkrebsfälle verantwortlich. Statistisch betrachtet sind das etwa vierhundert Krebstodesfälle im Jahr. Damit ist Radon die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs (häufigste Ursache ist – mit großem Vorsprung – das Rauchen).


Etwa 50 % der radioaktiven Strahlung, der ein durchschnittlicher Österreicher oder eine durchschnittliche Österreicherin ausgesetzt ist, stammt von Radon. Zum Vergleich: Die Strahlung aus medizinischen Behandlungen – etwa durch Röntgen – macht 17 % der durchschnittlichen Jahresdosis aus.
Dabei ist Radon selbst beinahe unschädlich: Radon ist ein farb- und geruchloses Edelgas. Wenn es eingeatmet wird, reagiert es nicht mit den Zellen des Körpers, sondern wird großteils wieder ausgeatmet. Aber: Als
radioaktives Element zerfällt Radon entsprechend der natürlichen Zerfallsreihe. Die Zerfallsprodukte (unter anderem Polonium-Isotope) sind Schwermetalle, die mit dem Feinstaub eingeatmet werden und sich in den Atmungsorganen ablagern. Dort geben sie radioaktive Strahlung ab, die zu Zellmutationen und zu Krebs führen kann.


Diese Zerfallsprodukte sind allerdings schwer zu messen. Deshalb dient die Konzentration von Radon – dem Ausgangsstoff – als Maß für die Gefährdung des Menschen. Die Maßeinheit dafür ist Becquerel pro Kubikmeter, abgekürzt Bq/m3. Je höher dieser Wert ist, desto mehr radioaktive Teilchen befinden sich in der Atemluft.


Im Freien herrscht meist eine Radonkonzentration von unter 10 Bq/m3. Das ist so wenig, dass man es vernachlässigen kann. Die durchschnittliche Radonkonzentration in Räumen liegt in Österreich bei 100 Bq/m3. In Radon-Risikogebieten können auch 1.000 Bq/m3 und mehr erreicht werden. Studien haben gezeigt, dass bei einer Zunahme von 100 Bq/m3 das Lungenkrebsrisiko um 16 % steigt.
Referenzwert definiert


„akzeptables Risiko“
In Österreich gilt seit 6. Februar 2018 ein Referenzwert von 300 Bq/m3 für das Jahresmittel der Radonkonzentration in Räumen. Dieser Wert basiert auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und gilt als „akzeptables Risiko“. Für Arbeitsstätten ist dieser Wert in Österreich rechtlich verbindend. Für Wohngebäude wird empfohlen, dass dieser Wert nicht überschritten wird.


Untersuchungen an einem Einfamilienhaus im Mühlviertel zeigen, dass im Tagesverlauf die Radon-Belastung stark schwanken kann. Im konkreten Fall lagen die Werte zwischen 20 und 250 Bq/m3, bei einem Mittelwert von 125 Bq/m3, über sieben Tage gemessen. Das ist zum einen auf die Lebens- und Haushaltsführung der Bewohner zurückzuführen, vor allem auf das Lüftungsregime. Es lässt sich zeigen, dass nach jedem Lüften der Radongehalt stark zurückgeht, um danach wieder anzusteigen.
Einflüsse auf die Radonkonzentration in Innenräumen haben auch die Bauweise des Gebäudes und der Erhaltungszustand (wichtige Parameter sind die Dichtheit gegenüber dem Untergrund bzw. die Abdichtung zwischen Keller und oberen Geschoßen und die Dichtheit der Gebäudehülle). Meteorologische Gegebenheiten wie Luftdruck, Temperatur und Windgeschwindigkeit beeinflussen die aktuelle Radonkonzentration ebenfalls. Diese Vielzahl an Einflussfaktoren führt dazu, dass sogar benachbarte Wohngebäude oft sehr unterschiedliche Radonkonzentrationen aufweisen.


Warum reichert sich Radon in Räumen an?
Radon entsteht durch Zerfall von Uran im Boden. Wo viel Uran im Untergrund vorhanden ist, muss deshalb auch mit höheren Radon-Werten gerechnet werden. Granit ist ein Gestein mit relativ hohem Uran-Gehalt. Erwartungsgemäß werden im oberösterreichischen Mühl- und im Niederösterreichischen Waldviertel – dem Granit- und Gneisplateau – oft hohe Radonwerte gemessen. Aber nicht nur hier: Gebiete mit erhöhten Radonwerte findet man auch in Salzburg, Kärnten, Tirol und über das restliche Bundesgebiet verstreut.
Eine wichtige Rolle bei der Radon­ausgasung aus dem Boden spielt die Durchlässigkeit des Bodens und die Korngröße des Gesteins. Besonders gefährdet sind Schotterböden und stark verwitterte Böden, Schuttkegel und Hanglagen. Kompakte oder lehmige Böden sind weniger durchlässig.


Zur Radonanreicherung in Gebäuden trägt der so genannte „Kamineffekt“ bei. Dieser wirkt besonders in der kalten Jahreszeit: Die warme Luft innerhalb eines geheizten Gebäudes strömt nach oben hin ab. Dadurch entsteht im Fundamentbereich des Gebäudes ein Unterdruck; es „zieht“ die Bodenluft – und das in ihr enthaltene Radon – in das Gebäude. Die Gebäudehülle wirkt dabei wie ein Staubsauger.
Eintrittspforten sind Spalten und Risse im Mauerwerk sowie Kabel- und
Rohrdurchführungen. Da die Fließgeschwindigkeit im Boden relativ gering ist, hat die Bodenluft genügend Zeit, sich mit Uran bzw. dessen Zerfallsprodukten anzureichern. Auf diese Weise können auch vergleichsweise geringe Mengen Uran im Boden die Radonbelastung erhöhen.
Wenn Keller mit Erdkontakt gegenüber den oberen Stockwerken offen sind, kann sich radonhaltige Luft auch in den oberen Stockwerken ausbreiten, dabei nimmt die Radonkonzentration mit zunehmender Gebäudehöhe ab.


Die Dichtheit der Gebäudehülle hat gewissen Einfluss auf die Radonkonzentration in Innenräumen. Einerseits führen undichte Fenster und Türen zu mehr Luftaustausch. Dadurch kann sich Radon rascher verflüchtigen. Umgekehrt wird durch den Einbau dicht schließender Fenster und Türen der Luftaustausch eingeschränkt, was den Radongehalt in der Raumluft erhöhen kann.


Die österreichische Radonpotenzialkarte
Zwischen 1991 und 2002 wurden in ganz Österreich in über 20.000 Wohnungen Radonmessungen durchgeführt. Die Ergebnisse flossen in eine interaktive Radonpotenzialkarte ein, aus der die Radongefährdung in jeder einzelnen österreichischen Gemeinde ersichtlich ist.
geogis.ages.at/GEOGIS_RADON.html

Der Wert für die eruierte Radongefährdung ist das „Radonpotenzial“. Es ist ein Maß für die mittlere Gefährdung eines Gebietes, und es ist unabhängig von Faktoren wie der Bauweise eines Hauses, oder der Höhe des Stockwerks. Das Radonpotenzial kennt drei Klassen:

 

  • Radonpotenzialklasse 1: Hier ist die Gefährdung durch Radon relativ gering
  • Radonpotenzialklasse 2 und 3: Hier ist mit erhöhtem Risiko durch Radon zu rechnen. In bestehenden Gebäuden wird eine Radonmessung und bei hohen Radonwerten eine Radonsanierung empfohlen, bei Neubauten werden Radonschutzmaßnahmen empfohlen.


Die mittlere Gefährdung eines Gebiets sagt nur aus, inwieweit mit einer Radonanreicherung in Gebäuden zu rechnen ist. Die tatsächliche Radonkonzentration in Räumen ist nur mit einer Messung vor Ort zu ermitteln.
Kostenlose Radonmessung
Die Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) bietet kostenlose Radonmessungen für Privathaushalte an. Die Antragsteller füllen dazu das Bestellformular auf der Website der AGES aus:
www.ages.at/service/service-strahlenschutz/radonmessung-im-privathaushalt/



Die AGES schickt daraufhin an alle Antragsteller an zwei Terminen im Jahr ein Messkit, das aus zwei Radon- Detektoren, einem Fragebogen und einer Anleitung besteht. Die beiden Detektoren werden in den beiden meist genützten Räumen des Gebäudes aufgestellt. Nach einem halben Jahr werden sie an die AGES zurückgeschickt und von dieser ausgewertet.