10.05.2012

Schadnager und Flugratten

Sie leben im Kanalnetz und auf den Dächern, sie ernähren sich von Abfall und Müll. Ratten und Tauben haben sich perfekt an das Leben im Gefolge des Menschen angepasst. Doch das Zusammenleben ist nicht unproblematisch: Tauben und Ratten verursachen Schäden an Bausubstanz und Versorgungsleitungen und wirken als Überträger von Krankheiten.
Die Stadt gehört den Menschen. Aber nur zum Teil. Unter der Straße, in Kellern und im Kanalnetz liegt das Reich der Ratten, und es ist noch lange nicht ausgemacht, dass der Mensch hier die dominierende Spezies ist. Schätzungen gehen davon aus, dass in Wien etwa so viele Ratten wie Menschen leben.

Die Herrscher des Kanals

Ratten haben sich perfekt an das Leben in den Städten angepasst. Sie ernähren sich von dem, was sie an Essensresten im Müll, rund um Märkte und Imbissstände oder im Kanal finden – und das ist reichlich. Sie schlüpfen durch Ritzen und Spalten, die gerade groß genug sind, um eine menschliche Hand durchzustecken. Sie klettern an Wänden und Kanalrohren hoch, kriechen durch Rohrleitungen und unter den Türspalt hindurch und unterminieren unbefestige Kellerböden. Manchmal kommt es vor, dass eine Ratte, angelockt von Speiseresten, vier Stock hoch durch ein Abflussrohr klettert und bei der Toilettenmuschel herausschaut, erzählt Ing. Reinhard Hell, Branch Manager des Schädlingsbekämpfers Rentokil.
Vor allem aber vermehren sich Ratten rasant. Die 1000 Nachkommen pro Jahr (inklusive zweiter und dritter Generation), die gelegentlich kolportiert werden, sind allerdings nur rein rechnerisch möglich. Unter natürlichen Bedingungen hat ein Rattenpaar an die 200 überlebende Nachkommen pro Jahr.

Gesundheitsgefährdung und wirtschaftlicher Schaden

Den größten Schaden verursachen Ratten in der Landwirtschaft als Ernte- und Nahrungsschädlinge. In der Stadt und im Siedlungsraum treten die graubraunen Nager als Hygieneschädlinge und Überträger von Krankheiten auf. Ratten können etwa 120 Infektionskrankheiten übertragen. Viele, wie die Pest, Cholera oder Typhus, sind bei uns so gut wie ausgestorben. Andere, wie Leptospirose oder Rattenbissfieber, sind sehr selten. Der direkt Kontakt mit Ratten kann zu Nierenfunktionsstörungen, zu Lebererkrankungen oder Durchfall führen. Auch allergische Reaktionen wir Asthma können auftreten, darüber hinaus können die  Nager Wirte von Borrelien sein, die über Zecken an Menschen übertragen werden und bei ihm Borreliose auslösen.
Je dichter die Population, desto wahrscheinlicher ist, dass es zu Infektionen kommt. Rattenpolulationen sollten deshalb unbedingt eingedämmt werden, erklärt Dr. Ursula Karnthaler von der Wiener Magistratsabteilung für Angelegenheiten der Landessanitätsdirektion. Im Vergleich zu anderen Großstädten werde das Kanalsystem in Wien vorbildlich sauber gehalten, weshalb auch die Rattenpopulation nicht überhand nehme. In den vergangenen Jahren seien kaum meldepflichtigen Infektionskrankheiten bekannt geworden, die von Ratten verursacht wurden, so Karnthaler.
Wirtschaftlicher Schaden entsteht durch die rege Nagetätigkeit der Ratten. Ihre Nagezähne wachsen ein Leben lang nach und müssen durch ständiges Nagen kurz und scharf gehalten werden. Eine gewöhnliche Holztür ist dabei rasch durchgenagt. Schlimmer wird es, wenn Ratten (oder Mäuse) an elektrischen Leitungen oder an Plastikrohren knabbern. Dies kann zu Wasserschäden und Kurzschluss führen, im Extremfall kann es dazu kommen, dass in einem ganzen Stadtteil der Strom ausfällt.

Verpflichtung zur Rattenbekämpfung

Die Rattenpopulation ist nicht gleichmäßig über die ganze Stadt verteilt. Ratten leben gern am oder in der Nähe von Wasser, ein üppiges Nahrungsangebot (wie etwa in der Nähe von Märkten) ist ebenfalls kein Nachteil. Die „Wiener Rattenverordung“ trägt dem Rechnung, indem sie Gebiete definiert, die besonders rattengefährdet sind. Allgemein sind Eigentümer oder Eigentümergemeinschaften dazu verpflichtet, ihre Liegenschaften regelmäßig auf Ratten kontrollieren zu lassen. Wird ein Befall festgestellt, müssen entsprechende Maßnahmen gesetzt werden um die Schädlinge zu bekämpfen. Dies ist nicht nur im Sinne der Hausbewohner – auf Grund ihrer explosionsartigen Vermehrung breiten sich Ratten auch rasch auf die Nachbarschaft und die umliegenden Gebäude aus.

„Rattennester“ abdichten

Offene Kellerfenster und Gerümpel wirken für Ratten geradezu wie eine Einladung. In unaufgeräumten Kellern finden sie exzellente Wohnbedingungen vor. Um eine Liegenschaft „rattensicher“ zu machen, müssen die Zugänge zu den Rattennestern verschlossen werden, der Keller gehört entrümpelt und selbstverständlich sollen in ihm auch keine offenen Lebensmittel oder Tierfutter gelagert werden. Allerdings ist es gerade in Altbauten schwierig, wirklich sämtliche Ritzen zu verstopfen – oft gibt es hier sogar einen direkten und nicht ausreichend abgedeckten Zugang zum Kanalnetz.

Spurenlesen – ein Fall für den Fachmann

Ratten beobachtet man selten direkt, die Spuren ihrer Anwesenheit sind leichter zu  entdecken. Ratten laufen stets der Wand entlang – wo sie sich auch im Dunkeln mit Hilfe ihrer Schnurrhaare orientieren können – und hinterlassen dabei eine braune Schmierspur, die vom Staub in ihrem Fell herrührt. Dazu kommen Nagespuren und Kotspuren. Fachleute können anhand von Form, Konsistenz und Größe des Kots bestimmen, um welche Art Ratten es sich handelt, oder ob er von Mäusen oder anderen Nagern stammt. Wenn man zudem den beißenden Geruch von Rattenurin wahrnimmt, kann man davon ausgehen, dass man ein ausgewachsenes Rattenproblem hat, erklärt Reinhard Hell.
In Wien werden Rattenkontrollen („Nachschauen“ laut Wiener Rattenverordnung) von professionellen Schädlingsbekämpfern durchgeführt. Sie sind auch berechtigt, entsprechende Bekämpfungsmaßnahmen vorzunehmen, sollte sich der Befall als akut herausstellen.

Sicherheit für Mensch und Heimtiere

Reinhard Hell betont, dass Giftköder zur Rattenbekämpfung nur verdeckt ausgebracht werden dürfen. Hierbei kommen Köderstationen zum Einsatz. Das sind Boxen – meist aus Kunststoff oder Metall – in denen der Giftköder für Menschen und Haustiere unerreichbar befestigt wird. Ratten gelangen durch Löcher in der Box zum Köder. Er enthält Antikoagulantien, Mittel, welche die Blutgerinnung hemmen. Sie wirken mit einer Verzögerung von einigen Tagen. Das ist wichtig, weil Ratten dazu fähig sind, eine kausale Verbindung zwischen der Köderaufnahme und dem unmittelbar darauf folgenden Tod eines Artgenossen herzustellen. Erfolgt der Tod erst ein paar Tage später, wird er von ihnen nicht mehr als Folge der Köderaufnahme interpretiert.

Ratten-Gourmets leben länger

Vergiftete Ratten irren manchmal wie benommen umher ohne zu fliehen. Während dieser Zeit kann es sein, dass man ungewöhnlich viele von ihnen zu Gesicht bekommt. Zum Sterben ziehen sie sich oft in Spalten und Verstecke zurück, deswegen ist es kaum möglich, alle Kadaver einzusammeln. Dies kann dazu führen, dass vorübergehend Verwesungsgeruch in der Luft liegt. Um sicherzugehen, dass die Nager nachhaltig bekämpft wurden, ist eine mehrmalige Kontrolle notwendig. So kann es vorkommen, dass sich Ratten wählerisch zeigen und den dargebotenen Köder nicht annehmen. Das ist vor allem bei einem Überangebot an Nahrung der Fall, wenn sich Ratten auf eine bestimmte Nahrungsquelle spezialisiert haben und sich von nichts anderem ernähren. Der Schädlingsbekämpfer muss dann anhand von Fraßspuren die Lieblingsnahrung der Ratten ermitteln und den Köder entsprechend präsentieren. Ist dies nicht möglich, bleibt ihm nichts anderes übrig, als verschiedene Köder auszuprobieren, um herauszufinden, auf welchen die Ratten ansprechen.

Es gibt Situationen, in denen kein Gift eingesetzt werden darf oder in denen Gifteinsatz unerwünscht ist. In diesen Fällen werden Ratten mit Schlagfallen getötet (selbe Funktionsweise wie traditionelle Mausefallen). Mäuse werden auch in speziellen Fallen mit CO2 begast und erstickt. Nach Auskunft von Reinhard Hall sind Methoden der Vergrämung, wie die Beschallung mit Ultraschall, wenig zielführend und wirken höchstens vorübergehend. Ratten gewöhnen sich an die Beschallung und kehren nach kurzer Zeit wieder zurück.

Kein Schädling vor dem Gesetz: Die Stadttaube

Das Tierschutzgesetz sieht vor, dass nur ein bestimmter Personenkreis unter bestimmten Bedingungen Wirbeltiere töten darf. Ausdrücklich erwähnt ist hier die fachgerechte Schädlingsbekämpfung. Tiere, die nicht als Schädlinge gelten, dürfen auch nicht im Rahmen von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen getötet werden. Das betrifft Marder und Siebenschläfer, aber auch Vögel wie die allgegenwärtigen Stadttauben.
Dessen ungeachtet sind Tauben ein ernsthaftes Problem für Hausbesitzer, und Taubenkot auf Dächern und an Hausfassaden ist keineswegs nur ein kosmetischer Makel. Taubenkot enthält Salpetersäure, welche die Kraft hat, Kalziumikarbonat und Marmor zu verätzen und Metall zu oxidieren. 10 bis 12 kg Kot setzt eine Taube innerhalb eines Jahres ab. Krankheiten werden hingegen selten von Tauben übertragen. Daniel Haag-Wackernagel, Professor am Institut für Medizinische Biologie der Universität Basel berichtet von lediglich 176 dokumentierten Fällen zwischen den Jahren 1941 und 2003, in denen Krankheiten von Tauben auf den Menschen übertragen wurden. „Das Gesundheitsrisiko, das von Straßentauben ausgeht, ist sehr niedrig, selbst für Menschen, die regelmäßig in engen Kontakt mit den Nestern und Nistplätzen kommen“, so Haag-Wackernagel.
„Im Allgmeinen wird die Gesundheits gefähdung durch Tauben überschätzt“, meint auch Dr. Ursula Karnthaler. Gefährlich wird es, wenn Taubenkot in den Mund gelangt oder auf die Schleimhäute des Auges trifft. Dann können Erreger von Durchfall oder Bindehautentzündung übertragen werden. Wird Taubenkot eingeatmet ,können entsprechende Erreger eine Lungenenzündung hervorrufen. Dies kann dann der Fall sein, wenn ein jahrelang verwahrloster Dachboden, in dem sich eine zentimeterdicke Taubenkotschicht abgelagert hat, ohne Mundschutz entrümpelt wird. Taubenkot in der Nähe von spielenden Kindern sollte auf alle Fälle vermieden werden, deshalb sei darauf zu achten, Tauben keinesfalls in der Nähe von Sandkisten zu füttern, warnt Karnthaler.

Hausfassaden als Brutkolonie

Strategien der Taubenabwehr zielen darauf ab, sie daran zu hindern, sich auf Gebäuden niederzulassen oder gar dort zu brüten. Gegliederte Fassaden, wie sie bei Gründerzeithäusern üblich sind, bieten eine Fülle an Nischen, Höhlen und Vorsprüngen, die von Tauben gerne als Sitz-, Schlaf oder gar Nistplätze angenommen werden. Die sicherste Methode sie davon abzuhalten, ist ein Taubennetz zu spannen. Das ist besonders dann sinnvoll, wenn es über den gesamten Innenhof gespannt werden kann.

Weidezaun gegen unerwünschtes Geflügel

Wirksam ist auch das Spannen von elektrischen Abwehrsystemen oder federnden Drähten. Elektrische Abwhrsysteme funktionieren nach dem Prinzip des Weidezauns. Berührt eine Taube den Draht, erhält sie einen leichten Stromstroß, der sie erschreckt und vertreibt. Das Tier erleidet dadurch keinen Schaden sondern bekommt lediglich einen „Denkzettel“ verpasst. Denn Tauben sind durchaus dazu in der Lage, sich zu merken, wo der Aufenthalt für sie ungemütlich ist. Haben die Tauben bereits Quartier bezogen und müssen aus diesem vertrieben werden, muss die gesamte Fläche eines Simses o.ä. verdrahtet werden. Die Tiere sind nämlich findig darin, den „gefährlichen“ Drähten auszuweichen und sich ein sicheres Plätzchen zu suchen. Dies ist auch der Grund, warum Spikes – Stacheln aus rostfreiem Stahl – weniger optimal sind. Solange sie in einwandfreiem Zustand sind, halten sie zwar die Tauben ab. Sobald einige der Stacheln verbogen sind, entstehen Lücken im Abwehrsystem, die von den Tauben rasch genutzt werden.

Geburtenkontrolle als „humane Taubenabwehr“

Mit der Taubenabwehr lassen sich Tauben zwar von einzelnen Objekten fernhalten. Das Problem für die Stadt wird dadurch allerdings nur verschoben: Die Tauben wandern weiter und lassen sich auf dem nächsten geeigneten Objekt nieder. Um den Taubenbestand einer Stadt nachhaltig zu dezimieren sind deshalb andere Strategien notwendig.

In Linz wird seit 2001 an zentralen Plätzen und Straßen der Stadt vom Gesundheitsamt ein Fertilitätshemmer ausgebracht. Eine Zählung hat den Erfolg des „Pillenprogramms“ bestätigt: Die Zahl der 2001 im gesamten Stadtgebiet lebenden rund 20.000 Tauben konnte durch die Taubenpille auf derzeit rund 9.000 Vögel reduziert werden.
Ein langfristiges Projekt zur Taubenregulation wird derzeit in Wien-Meidling erpobt. Im Dachboden des Amtshauses wird den Tauben ein Taubenschlag als Nistplatz zur Verfügung gestellt. Es wird darauf geachtet, dass die Vögel frei von Parasiten bleiben, gleichzeitig werden ihre Eier entfernt und durch Attrappen ersetzt. Die Tauben brüten, ohne dass aus den Kunsteiern Taubenküken schlüpfen. Auf diese Weise soll die Taubenpopulation auf humane Weise mittelfristig gesenkt werden.