10.04.2012

Anforderungen einer alternden Bevölkerung an ihre Umwelt

Transportieren Sie manchmal schwere Kisten? Schieben Sie einen Kinderwagen? Oder haben Sie schon einmal einen Gipsfuß gehabt? Dann haben Sie sich sicher über Rampen, Aufzüge und breite Gehsteige gefreut. Für manche Menschen ist eine barrierefreie Umwelt unentbehrlich.Die ÖsterreicherInnen werden älter. Momentan sind 23 % der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Im Jahr 2030 werden es mehr als 30 % sein. Der Anteil der über 80jährigen wird bis dahin von derzeit 400.000 auf 630.000 gestiegen sein. Gleichzeitig erwarten sich die Menschen eine autonome Lebensgestaltung im Alter und dass ihre selbstständige Lebensführung in der gewohnten Wohnumgebung auch in Situationen wachsender Unterstützungsbedürftigkeit umgesetzt werden kann.

Wer braucht Barrierefreiheit?
Es gibt viele Menschen, denen es im Alltag schwerfällt, die nichtbarrierefreie Infrastruktur zu nutzen, und die so an einem selbstbestimmten Leben gehindert werden. Dazu gehören neben älteren Leuten, die mit Stock, Rollstuhl oder Rollator unterwegs sind, behinderte Menschen, Eltern, die einen Kinderwagen schieben, Personen, die schwere Lasten (Gepäck) tragen oder Menschen mit vorübergehenden Verletzungen (Unfälle bei Sport oder mit dem Auto). Es kann also jeden treffen: Eine zu enge Hauseinfahrt, Treppen ohne Umfahrungsmöglichkeit oder Rampe, kein Aufzug oder schmale WC-Anlagen und schon stößt eine alltägliche Besorgung an vermeidbare Barrieren.

Vor allem betonen Experten immer wieder, dass die Herstellung von Barrierefreiheit im Interesse aller Menschen und nicht nur einer bestimmten Personengruppe mit besonderen Anforderungen ist. Eine barrierefreie Umwelt ist für etwa 10 % der Bevölkerung zwingend erforderlich, für etwa 30 bis 40 % notwendig und für 100 % komfortabel.

Rechtliche Grundlagen
Viele internationale und nationale Gesetze und Vorschriften wurden in den letzten Jahren geschaffen. In Österreich ist die Gleichstellung von behinderten und nichtbehinderten Menschen in der Österreichischen Bundesverfassung, Artikel 7 – „alle Bundesbürger sind vor dem Gesetz gleich“ – verankert. Weiters verpflichtet sich der Bund im Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz 2006 sämtliche öffentlichen Gebäude bis Ende 2015 barrierefrei umzubauen. Die Umsetzung der Barrierefreiheit bis 31.12. 2015 gilt auch für alle Wohn- und Gewerbeimmobilien. Das gilt vor allem für den Neubau, weil auf die Zumutbarkeit der Investitionen bedacht zu nehmen ist. Was bedeutet dies für den Besitzer einer Wohnimmobilie?

Dazu erklärt Michael Bednar vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz: „Das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz (BGStG) gilt für den Baubereich in vollem Umfang mit 1.1.2012 und beinhaltet das Verbot der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen im Bereich der Bundesverwaltung sowie beim Zugang zu Gütern und Dienstleistungen, soweit diese der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Ab diesem Zeitpunkt kann wegen baulicher Barrieren in vollem Umfang auf Schadenersatz geklagt werden. Der Klagemöglichkeit ist dabei verpflichtend ein Schlichtungsverfahren beim Bundessozialamt vorgelagert. Schadenersatz wird jedoch nur dann zuerkannt, wenn die Beseitigung der Barriere zumutbar ist. Das BGStG schreibt Barrierefreiheit nicht vor, es regelt lediglich den Schadensersatzanspruch welcher aufgrund einer erlittenen Diskriminierung durch vorhandene Barrieren gebührt. Das Baurecht fällt in den Zuständigkeitsbereich der Bundesländer. Die ÖNORM B1600 beinhaltet Mindestanforderungen an die Herstellung von Barrierefreiheit im baulichen Bereich. Diese sind in den jeweiligen Bauordnungen der Länder teilweise enthalten.“ Die barrierefreie Gestaltung von Gebäuden ist bei Neubauten sofort, im Altbestand bis 31.12.2015 zu realisieren.

Maßnahmen
Was bedeutet Barrierefreiheit für die Gestaltung des Wohnraums? Wohnhäuser bzw. Wohnungen sollten so gebaut werden, dass sie ohne große Umbaumaßnahmen den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen angepasst werden können. Denn für fast alle Menschen wird die Wohnung mit zunehmendem Alter zum zentralen Lebensmittelpunkt. Das barrierefreie Bauen wird also beim Neubau sowie bei Umbauten in der vorhandenen Bausubstanz eine immer größere Rolle spielen.
Bauliche Maßnahmen sind:
- Die Schaffung von barrierefreien Zugängen (Beseitigung von Schwellen über zwei Zentimetern und
Stufen, Aufzüge bei mehrgeschoßigen Gebäuden)
- Schaffung von ausreichend Bewegungsflächen und Türbreiten
- Anordnung von Bedienungseinrichtungen wie Schaltern und Bedienelementen (gut lesbar, in Greifhöhe, auch tastbar, nicht scharfkantig)
- Barrierefreie Sanitärräume (ausreichende Bewegungsfreiheit für Menschen im Rollstuhl, Stützgriffe, unterfahrbares Waschbecken in Bad und WC)

Bei sämtlichen baulichen Maßnahmen (Rampen, Türbreiten) ist die ÖNORM B1600 heranzuziehen. Weitere Punkte, die beim barrierefreien Bauen relevant sind nennt Architektin und Expertin für Barrierefreiheit von der Plattform Freiraum-Europa DI Albine Habian: „Es ist besser einen Haupteingang zu schaffen, der für alle nutzbar ist als einen Nebeneingang für Menschen im Rollstuhl. Bei Glasflächen sollte man kontrastreiche Markierungen anbringen, damit Menschen mit Sehschwäche nicht gefährdet sind. Ebenso sollten Stufenkanten, vorrangig erste und letzte Stufe, kontrastreich markiert werden. Für blinde Menschen ist eine haptische Markierung günstig, das ist ein tastbares Bodenleitsystem das zum Ausgang oder zu dem Aufzug führt.“

Umgestaltung der Bäder
Für Rollstuhlbenutzer sind im Bad die größten Umbaumaßnahmen erforderlich. Die durchschnittlichen Badezimmertüren bis zu 70 cm Breite müssen erweitert werden und nach außen aufschlagen. Die erforderlichen Bewegungsflächen vor dem WC, dem Waschtisch und der Badewanne reichen oft nicht aus. Da die Badewanne ohne fremde Hilfe nicht mehr benutzt werden kann, ist der Einbau einer Dusche günstiger, die für Gehbehinderte eine niedrige Einstiegshöhe haben muss oder bodengleich sein soll.
Neben den praktischen Vorteilen einer bodengleichen Dusche vermittelt sie auch in kleinen Bädern das Gefühl von Großzügigkeit und Transparenz. Für bodengleiche Duschen gibt es schon eine Vielzahl von verwendbaren Materialien: Stahl-Email oder Acryl oder die altbewährten Fliesen. Der Trend geht aber eher in die pflegeleichtere Richtung einer fugenfreien Duschfläche, bei der weder Verfärbungen, noch Hygienemängel oder Undichtheiten ein Thema sind. Besonders emaillierte Duschflächen können mit ihrer glasharten, widerstandsfähigen Oberfläche ohne schadanfällige Fugen punkten.

Wer diese „barrierefreien“ Überlegungen und Grundvoraussetzungen bei der Renovieren oder dem Neubau von Wohnungen im Hinterkopf behält und damit Rahmenbedingungen schafft, die es dem Mieter erlaubt, bis ins hohe Alter oder bei Behinderung in seiner Wohnung zu bleiben, schafft Wohnraum mit steigender Nachfrage.

DI Edith Kaiser
Redakteurin