01.03.2012

Sicherheit: Gaunerzinken - Geheimcodes für Einbrecher

Gaunerzinken sind noch nicht ausgestorben: Mysteriöse Kritzeleien an Hauswänden, Zäunen und Türen können ein Hinweis darauf sein, das es Einbrecherbanden auf Ihr Haus abgesehen haben.Bei Berichten über Gauner, Bettler und Vaganten liegen Legende und Wahrheit eng beieinander. Es sind Gesellschaftsgruppen, die sich teils bewusst abschotteten, teils von der Gesellschaft gemieden wurden. In dieser Situation bildeten sich eigene Sprachen und Codes heraus, mit denen Informationen weitergegeben wurden, die nicht von jedem verstanden werden sollten. Ein Beispiel dafür ist die Gaunersprache, das Rotwelsch. Ein anderes Beispiel sind Gaunerzinken, grafische Zeichen an Gebäuden und markanten Landschaftspunkten.

 

500 Jahre alte Geheimschrift
Das Bundeskriminalamt hat eine Liste verbreiteter Gaunerzinken herausgegeben, die heute teilweise immer noch in Gebrauch sind. Sie finden sich – mehr oder weniger verdeckt – auf Haus- und Wohnungstüren, im Lift oder im Flur. Ihre Größe kann variieren, manchmal sind sie eingeritzt, manchmal mit einem Textmarker aufgemalt. Sie bezeichnen Wohnungen, wo es offenbar etwas zu holen gibt, warnen vor Hunden oder vor aufmerksamen Anrainern. Sie informieren über die Anzahl, Geschlecht und Alter der Hausbewohner oder darüber, wann diese zu Hause sind.
Nicht immer dienen Zeichen an Häusern kriminellen Vorhaben. „Belege für Gaunerzinken gibt es seit dem 16. Jahrhundert“, informiert Dr. Armin Kaltenegger, Leiter der Rechtsabteilung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Manche dieser Markierungen waren einfach Wegzeichen, Richtungsangaben und Entfernungsangaben für Bettler und fahrendes Volk. Andere zeigten an, ob sich das Betteln lohnt oder ob schon alles ‚abgegrast’ war.
Diese „Zinken“ wurden allerdings rasch als nützliche Hinweise für unehrenhafte Vorhaben benützt. Die Botschaft „Hier gibt es einen großzügigen Herren“ konnte man schließlich auch interpretieren als „Hier gibt es einen reichen Besitzer – hier gibt es etwas zu holen.“


Gaunerzinken im Wandel
Ein echtes „Wörterbuch“ für Gaunerzinken gibt es nicht. Auch Experten können nur Rückschlüsse auf deren Bedeutung ziehen und verfügen über kein  abgesichertes Wissen, erklärt Kaltenegger. Viele der Zinken werden offenbar seit Jahrhunderten verwendet. Nach der Ostöffnung 1989 hat die Polizei eine Zunahme traditioneller Markierungen beobachtet. Seitdem hat deren Bedeutung wieder abgenommen. Zum einen gibt es auch unter Gaunern eine Entsolidarisierung. Der ehemalige Unterwelt-Ehrenkodex existiert nicht mehr und kaum ein Dieb macht sich die Mühe, Nachrichten an Kollegen (und Konkurrenten) zu hinterlassen. Zum anderen gibt es modernere Methoden, mit denen sich Einbrecher informieren. Über Google Earth lässt sich leicht eruieren, ob sich hinter einer Mauer ein lohnenswertes Objekt verbirgt, und viele Menschen geben über Facebook bekannt, wann sie gerade für zwei Wochen verreisen und die Wohnung deshalb leerstehen wird – was für einen mitlesenden Einbrecher einer persönlichen Einladung gleichkommt.
Nach wie vor werden verschiedene Zeichen an Hauseinfahrten, Zäunen oder Türstöcken von Einbrecherbanden zur raschen Markierung benutzt. Eine Diebesbande, die einen Coup plant, späht im Vorfeld eine ganze Siedlung aus und beobachtet, wo sich günstige Einstiegsmöglichkeiten oder lohnendes Diebesgut befinden. Mittels rasch eingeritzter Symbole werden diese Objekte markiert. Wenn es zur Tat kommt, sehen die Diebe auf den ersten Blick, wo ihr Ziel liegt und eventuell auch, wie sie ins Haus gelangen. Ein wichtiger Informations-Vorteil, wenn alles schnell gehen muss. Die Markierungen sehen nicht unbedingt wie traditionelle Gaunerzinken aus. Sie sind individuelle Zeichen, die sehr unauffällig sein können und unabsichtlichen Kratzern ähneln.


Keine unmittelbare Gefahr
Andere Markierungen sind eher harmloser Natur. Auch Prospektverteiler, Hausierer und missionierende religiöse Gruppen nutzen manchmal Kritzeleien als Erinnerungshilfe oder um Kollegen Hinweise zu geben. Generell werde die Gefahr, die von Gaunerzinken ausgehe, überschätzt, erklärt Kaltenegger: „Bis jetzt gibt es keinen einzigen Beweis  dafür, dass ein Gaunerzinken unmittelbar zu einem Einbruch geführt hätte.“
Entdeckt man Zeichen an Wänden oder Türen, sollte man nicht in Panik verfallen. Wichtig ist, die Zeichen zu entfernen oder zu übermalen. Falls sie in den Lack des Aufzugs geritzt wurden, kann man sich provisorisch auch damit behelfen, die Zinken mit einem Sticker zu überdecken.


Achtung! Fremde surfen mit
Eine moderne Form des Gaunerzinkens ist das so genannte „WarChalking“. Das sind Zeichen dafür, dass man sich in Reichweite eines offenen oder geknackten W-LANs befindet. Diese Zeichen – in Größe und Ausführung traditionellen Gaunerzinken ähnlich – findet man oft dort, wo der öffentliche Raum an den privaten grenzt, zum Beispiel an Zäunen und auf Gehsteigen, an Straßenschildern und Bäumen an Grundstücksgrenzen oder bei Wohnungen an der Wohnungstür. Sie informieren Eingeweihte darüber, dass hier über ein Funknetz ein privater Internet-
anschluss mitbenützt werden kann. Manchmal wird auch ein passwortgeschütztes W-Lan angezeigt, gemeinsam mit einem Code für das Passwort und eventuell einem Code für die Bandbreite.


Nicht immer harmlos ...
WarChalker sind eine sehr heterogene Gruppe. Es können Jugendliche sein, die einfach nur gratis surfen wollen und dabei kaum Schaden anrichten. WarChalking kann aber auch gezielt für Delikte missbraucht werden. Die Bandbreite reicht vom Versenden von Spam-Mails über das Ausspähen von privaten Daten und Bestellungen bei Internet-Versandhäusern bis hin zu schweren Verbrechen wie dem Herunterladen und Verbreiten von Kinderpornographie.
Offene W-LAN werden von WarChalkern oft systematisch ausgespäht. Ein verbreitetes Zeichen für ein offenes Funknetz sind zwei entgegengesetzte Halbkreise (ähnlich einem gespiegelten und einem ungespiegelten „C“). Das Zeichen für ein gesichertes Netz ist ein geschlossener Kreis. Ergänzt werden die Zeichen mit Informationen für den Zugeng (Passwort). Entdeckt man diese oder ähnliche Zeichen, sollte man sie wie herkömmliche Gaunerzinken entfernen oder unlesbar machen. Wer ein privagtes W-LAN betreibt – und immer mehr Haushalte tun dies – ist laut österreichischer Rechtsprechung zwar nicht haftbar, wenn dieses von Dritten missbraucht wird. Hat der Betreiber allerdings Kenntnis von Rechtsverletzungen, die über sein Netz begangen werden, so sind Schadenersatzklagen nicht ausgeschlossen.