14.05.2015

Rückstau im Keller: Was tun?

Bis zur oberen Gehsteigkante (Rückstauniveau) kann der Kanal bei intensivem Regen zurückstauen. Ungesicherte WC-Anlagen, Waschbecken, Bodenabläufe oder Putzstückdeckel können dann übergehen.

Nachdem betroffene Hauseigentümer mit dem Thema „Überflutung von Kellern durch Rückstau des Kanals“ an Haus und Eigentum herangetreten sind, haben wir Josef Gottschall, den Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Wien Kanal, und Werkmeister Müllner, Fachmann für Hauskanal, getroffen. Angesprochen auf das Thema Rückstau gaben sie an, dass schon seit fünf Jahren jeder Hauseigentümer (oder die Hausverwaltung) mit der jährlichen Wasserabrechnung ein Infoblatt über Rückstausicherung bekommt.


Haus & Eigentum: Woran kann es liegen, dass bei Starkregenereignissen Keller überflutet werden, dass aus Putzdeckeln, Waschmuscheln oder WC-Anlagen das Wasser austritt?

Josef Gottschall: Bei solchen Ereignissen muss man immer den konkreten Fall betrachten, alles andere wäre spekulativ. Generell kann man sagen, dass ein klassisches Gründerzeithaus einen Profilkanal am Eigengrund gehabt hat, den sog. „Schlierfa“, der war eiförmig, 60-70 cm hoch, 40 cm breit. Weil so ein Eiprofil-Kanal aufwendig zu sanieren ist, wird heutzutage ein kleineres PVC-Rohr hineingesteckt und vorne und hinten zugemauert. Fakt ist, dass zur Bauzeit der Gründerzeithäuser recht großzügig dimensioniert wurde und jetzt meist aus Kostengründen nicht mehr. Ich kann nur sagen, wenn Räume unter der Rückstauebene liegen und keine Rückstausicherung haben, wird der Keller schwimmen (kommunizierende Gefäße).
Auch bei Aufzugseinbauten oder Dachentwässerungen kommt es immer wieder zu Fehlern: So wird Regen- und Schmutzwasser in einem Strang geführt und nicht in zwei. Generell gilt die Empfehlung, Regen- und Schmutzwasser getrennt in zwei Abflussrohren zu führen. Oder die Abstände zum Fallstrang sind falsch: Immer wieder sind Waschbecken zu nahe beim Fallstrang angeschlossen. Wenn wir die ÖNORM 2501 mit den vorgefundenen Gegebenheiten eines Hauses abgleichen, ist das Ergebnis fast immer eine lange Liste von Normverletzungen. Die Norm, die von der Wiener Bauordnung für verbindlich erklärt worden ist, gilt primär für Neubauten, aber auch sobald etwas erneuert, umgebaut oder saniert wird.

Haus & Eigentum: Bei einem Hauseigentümer gab es das Problem mit den Überflutungen früher nicht, da wurde das Souterrain sogar bewohnt. Erst seit in der Gegend viel gebaut und nachverdichtet wurde, werden diese Räume regelmäßig überschwemmt und können weder als Kellerräume noch als Lagerräume vermietet werden.
Josef Gottschall:
Dort gibt es keine Rückstausicherung?

Haus & Eigentum: Nein, das war davor nicht nötig.
Josef Gottschall: Dann haben die Eigentümer früher Glück gehabt. Weil es früher nicht so stark geregnet hat, weil die Stadt dort nicht so verbaut war. Wenn jemand etwas baut, was nicht dem Stand der Technik entspricht, also wenn Entwässerungsgegenstände (Waschmuscheln, WC-Anlagen, etc.) unterhalb der Rückstauebene ohne Rückstausicherung ausgeführt werden, dann geht er ein Risiko ein. Zu ähnlichen Flutungen kann es auch kommen, wenn eine Verstopfung im Kanal entsteht, bei einem Rohrbruch oder wenn die Dachrinne bei einem Umbau schon im Haus in den Schmutzwasserstrang geleitet wird. Dann rinnt das Wasser gar nicht mehr in den Kanal, und es kommt schon in der Hauskanalanlage zu einem Rückstau. Der Keller füllt sich mit Regenwasser. Man sollte in diesem Fall das eigene Unvermögen nicht Wien Kanal oder der Gemeinde Wien in die Schuhe schieben.


Haus & Eigentum: Was kann man den betroffenen Hauseigentümern raten? Welche Sicherungen gegen Rückstau empfehlen Sie?
Josef Gottschall: Das Wichtigste ist: Es gibt keine Universallösungen! Jeder Störfall muss individuell analysiert werden. Grundsätzlich müssen alle Entwässerungsgegenstände, die unter der Rückstauebene liegen (das ist das Straßenniveau plus 10 cm), gegen Rückstau gesichert werden. Meist ist eine Hebeanlage die geeignete Sicherung. Für die Kellerräume soll ein eigenes Abwasserleitungs-
system installiert werden: Alles fließt in ein Becken und wird mit einer Hebeanlage (Pumpe) über das Rückstauniveau gepumpt. Manchmal hilft es schon, wenn man das Regenwasser extra ableitet.
Haus & Eigentum: An wen soll man sich bei Problemen mit Rückstau wenden?
Josef Gottschall: Wenden Sie sich bitte an Installateure, Baumeister oder Architekten. Das sind konzessionierte Gewerbe, die solche Probleme ordnungsgemäß lösen können. Bei Wien Kanal gibt es keine Ansprechstelle mehr. Es gibt aber rund um die Uhr eine Störungshotline (Tel. +43/1 4000-9300), die man bei Gebrechen der Hauskanalanlage bzw. Verstopfungen gegen Bezahlung rufen kann. Ebenfalls angeboten wird eine Kanaluntersuchung, Kanal-TV und Beratung durch einen Fachmann, wie z. B. den Werkmeister Müllner.


Haus &Eigentum: Wieso ist es verboten, die Hauptleitung vom Haus-
kanal vor Rückstau zu sichern?

Josef Gottschall: Diese Fälle haben wir schon häufig gehabt: Die Klappe macht zu, weil der Hauptkanal unter Druck steht. Es regnet aber weiter, und dann füllt sich das Haus mit Regenwasser. Während die Rückstauklappe geschlossen ist, ist es dann nicht mehr möglich, die WC-Anlage oder Dusche zu benutzen, da das Abwasser nicht abfließen kann.
Eine Rückstauklappe kann für die Nebenleitung aus dem Keller sinnvoll sein, weil man diesen Teil des Hauses nicht benutzen muss, wenn die Rückstauklappe geschlossen ist. Eine mechanische Rückstauklappe kann auch im klassischen Fall der Sauna in Anwendung kommen: Man geht in die Sauna, öffnet die Klappe, sauniert, duscht und am Schluss macht man die Klappe wieder zu. Die Klappe muss auch gewartet werden. Wenn sich da Toilettenpapier verhängt, schließt sie nicht mehr dicht. Aber bei uns ist es einfach nicht üblich, sich um die Kanalanlage zu kümmern. Das Dach lässt man alle paar Jahre einmal übersteigen, an den Kanal verschwendet man nach seiner Installation keinen Gedanken mehr.n