30.06.2020

Thermische Sanierung: Hohe Investitionsbereitschaft – unzureichene Fördermodelle

Um die Klimaziele zu erreichen, ist es notwendig, die thermisch-energetische Sanierungsrate von Wohngebäuden in Österreich zu heben. In zwei Studien, die von der Bauwirtschaft in Auftrag gegeben wurden, sind nun Lösungsvorschläge ausgeführt.

Die Rate der thermischen Sanierungen von Wohngebäuden liegt derzeit in Österreich bei 1,4 Prozent. Das ist die niedrigste Rate seit zehn Jahren.  In zwei Studien haben Umweltbundesamt und das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen (IIBW) die Situation analysiert und Lösungsvorschläge erarbeitet. Die Studien entstanden im Auftrag   der Gebäudehülle+Dämmstoff Industrie 2050, des Fachverbands der Stein- und keramischen Industrie, des Forschungs­verbands der österr. Baustoff­industrie und des Zentralverbands industrieller Bauproduktehersteller.

Motor für die Wirtschaft

Die Bedeutung des Sanierungssekttors für Wirtschaft und Umwelt lasse sich an einem Beispiel festmachen, so die Autoren der Studie: „Jeder Quadratmeter Fassade, der thermisch-energetisch saniert wird, generiert eine  Stunde Arbeitszeit, spart Energie im Ausmaß von 10 Liter Heizöl bzw. 100 kWh und spart damit pro Jahr zumindest 25 kg CO2. Jeder Quadratmeter Fassade bringt zudem der Staatskasse direkt  20 Euro an Steuereinnahmen sowie indirekt zusätzliche Lohnnebenkosten.“

Ungeförderte Sanierungen mit gegenläufigem Trend

Die Studie zeigt bemerkenswerte Trends: In den letzten Jahren war der Rückgang der umfassenden, nicht geförderten Sanierungen deutlich moderater als der Rückgang der geförderten Sanierungen. Überraschend ist, dass die Zahl von ungeförderten Einzelsanierungen stark gestiegen ist (so genannte „Einzelsanierungen aus dem Baumarkt“)

Wolfgang Amann, Geschäftsführer des IIBW – Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen, weist darauf hin, dass diese Zahlen eine hohe Sanierungsbereitschaft belegen. Allerdings sei es  bisher nur unzureichend gelungen, mit verschiedenen Förderungsmodellen diese Investitionsbereitschaft „einzufangen“ und in Richtung umfassende Sanierung zu lenken.

Um den österreichischen Wohnungsbestand bis 2040 Klima-fit zu machen – wie es das Regierungsprogramm vorsieht – müsse die Sanierungsrate des Wohnungsbestandes bis 2040 kurzfristig auf 2,6% und ab 2025 auf 3,2% erhöht werden, erklärt Amann. Dies sei nur mit einem abgestimmten Maßnahmenbündel zu erreichen.

Steuerliche Maßnahmen

Für Roland Hebbel vom Zentralverband Industrieller Bauproduktehersteller steht eine Reform des Wohnrechts für Miet- und Eigentumswohnungen an vorderster Front. Eine Ausweitung der Fördermaßnahmen bzw. -instrumente sei  für alle Segemente wichtig, steuerliche Maßnahmen für Eigenheime und private Mietwohnungen seien besonders effektiv.


In der Studie „Steuerliche Maßnahmen zur Dekarbonisierung des Wohnungssektors“ spricht sich die Bau-
industrie für einen neuen Schwerpunkt bei steuerlichen Förderungen aus. Mit einem einfachen Modell in Anlehnung an die seit Langem in Südtirol angewandte steuerliche Sanierungsförderung sollten alle thermisch-energetisch relevanten Maßnahmen steuerlich abgesetzt werden können. Das Rückgrat bildet ein zu 100 % absetzbares Sanierungskonzept.

Auf dieser Basis kann sich der Eigentümer für eine umfassende Sanierung oder für die Sanierung von Einzelbauteilen entscheiden. Bei einer umfassenden Sanierung sollen der Heizwärmebedarf oder die Gesamtenergieeffizienz um zumindest 60 % verbessert werden. Dafür können 65 % der Kosten steuerlich geltend gemacht werden. Bei Teilsanierungen müssen die jeweiligen Bauteile den thermischen Standard von Neubauten erreichen. Dafür gibt es eine steuerliche Absetzbarkeit von 40 % der Kosten. Wenn sich ein Eigentümer nach der einen oder anderen Teilmaßnahme für eine umfassende Sanierung entscheidet, erhält er nachträglich die entsprechende zusätzliche Steuergutschrift.

Steuerliche Förderungen bevorzugen typischerweise reichere Haushalte. Dieser Effekt wird mit dem vorgestellten Förderungsmodell weitgehend neutralisiert, indem die anerkennbaren Kosten gedeckelt sind und Niedrigverdiener alternativ eine Negativsteuer in Anspruch nehmen können.


Förderungsmodellfür private Mietwohnhäuser

Ein ähnlich einfaches steuerliches Förderungsmodell wurde für die thermisch-energetische Sanierung privater Mietwohnhäuser entwickelt. Analog zu einem in Deutschland neu eingeführten Instrument soll durch eine stark verkürzte Absetzung der Sanierungskosten innerhalb von nur fünf Jahren die Bereitschaft für Sanierungen angekurbelt werden. Alternativ könnte eine Investitionsprämie in Höhe von 15 % der Investitionskosten eingeführt werden.

Denkmalgeschützte Gebäude könnten zusätzlich begünstigt werden, indem die Liebhabereiberechnung entschärft wird. Bei gewerblich genutzten Mietflächen ist schon heute eine Sofortabsetzung möglich. Dies könne bei Mischobjekten auch auf Wohnungen ausgeweitet werden. Begleitend soll zur erleichterten Finanzierung die steuerfreie Ansparung der Mietzinsreserve ermöglicht werden.

Umfassende thermisch-energetische Sanierungen können unter heutigen Rahmenbedingungen nur schwer über Energieeinsparungen refinanziert werden. „Bei privaten Vermietern wird man mit steuerlichen Förderungen in Verbindung mit wohnrechtlichen Anpassungen die besten Effekte erzielen“, erklärt Karin Fuhrmann, Steuerberaterin und Partnerin bei der TPA Steuerberatung.

Die Wirksamkeit der entwickelten Modelle könnte wesentlich gesteigert werden, wenn begleitende wohnrechtliche Reformen durchgeführt werden. Beim Wohnungseigentum sind die großen Brocken eine Neuregelung der Rücklage und effizientere Regelungen der Willensbildung. Im Mietrecht wäre ein besonders starker Treiber, wenn Wohnungen im Vollanwendungsbereich (Gründerzeit-Bauten) bei entsprechend hoher Qualität der Sanierung angemessen vermietet werden könnten. Für viele Maßnahmen, etwa die Umstellung von fossilen wohnungsseitigen Heizungen (Gasthermen) auf regenerative Hauszentralheizungen (Fernwärme), müssen die Duldungspflichten der Mieter reformiert werden, so die Autoren der Studie.

Bei entsprechend konsequenter Umsetzung der dargestellten steuerlichen Förderungsmodelle rechnen die Studienautoren mit einer Erhöhung der Sanierungsrate in den jeweiligen Bestandssegmenten um etwa einen Prozentpunkt. Damit sei ein wesentlicher Beitrag zur Dekarbonisierung des Wohnungssektors darstellbar, der in zehn Jahren eine CO2-Reduktion von 2 Millionen Tonnen bewirken wurde.