11.02.2021

Ungeliebte Mitbewohner

Ratten begleiten die Menschheit seit diese sesshaft geworden ist. Beliebt sind die grauen Nager nicht, trotz ihrer Intelligenz und ihres komplexen Sozialverhaltens. Sie gelten als Hygieneschädlinge und Krankheitsverbreiter.


Die letzten Monate haben auch die Beziehung von Mensch zu Tier in den Vordergrund gerückt. Zum einen die Beziehung zu Haustieren: Hunde waren in Zeiten des Lockdowns ein gewichtiger Grund, das Haus zu verlassen, um eine Runde spazieren zu gehen. Katzen wiederum haben vielen Menschen das Alleinsein in den eigenen vier Wänden erträglicher gestaltet.


Tiere als Krankheitsüberträger
Aber es gibt auch die andere, düstere Seite. Vieles deutet darauf hin, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 zuerst in Tieren entstanden und über ein oder mehrere Zwischenwirte auf den Menschen übergesprungen ist. Das sollte uns in Erinnerung rufen, dass der Kontakt zu Tieren nach wie vor Gefahren birgt. Und zwar nicht nur der Kontakt zu großen, wehrhaften Tieren: Die Beulenpest, die über Jahrtausende hinweg der Menschheit zugesetzt hat, wird üblicherweise durch den Biss eines Rattenflohs übertragen. Die Spanische Grippe, die in drei Wellen von 1918 bis 1920 zwischen 27 und 50 Millionen Menschen tötete (genaue Zahlen sind kaum zu eruieren), ging wahrscheinlich von Entenvögeln in Nordamerika aus.


Bessere Wohnsituation verhindert Pandemien

Hundert Jahre lang ist Österreich von Seuchen verschont geblieben. Die Corona-Pandemie zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist. Sie zeigt aber auch, dass wir von vergangenen Katastrophen lernen können. Ein Grund dafür, dass die Opferzahlen von Corona nicht mit denen der Spanischen Grippe vergleichbar sind, liegt in der verbesserten Hygiene und auch in der besseren Wohnsituation. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es beispielsweise in Wien noch das berüchtigte „Ratzenstadel“ zwischen Gumpendorferstraße und Wienfluss. Zwar ist nicht völlig geklärt, ob sich der volkstümliche Name dieser Vorstadt tatsächlich von den zahlreichen Ratten ableitet, die sich in den desolaten Kellern und abbruchreifen Wohnhäusern wohlfühlten. Ein Blick auf alte Aufnahmen zeigt aber, dass die Wohnsituation alles andere als gesund gewesen ist. Ob die Sanierung des Grätzls, die in den 1960er Jahren abgeschlossen wurde, mit ausreichend Einfühlungsvermögen und Respekt vor dem gewachsenen Stadtbild vor sich gegangen ist, ist eine andere Frage.

 
Vorschriften zur Rattenbekämpfung

Ein wichtiger Schritt der Seuchenbekämpfung waren Vorschriften zur Schädlingsbekämpfung. In Österreich ist es seit 1925 Gesetz, dass in Liegenschaften Rattenbekämpfungen durchzuführen sind. In Wien ist diese Vorschrift in die „Wiener Rattenverordnung“ eingeflossen. Diese schreibt vor, dass alle Liegenschaften regelmäßig auf Rattenbefall kontrolliert werden müssen. Falls ein solcher Befall festgestellt wird, sind Rattenbekämpfungsmaßnahmen durchzuführen, und zwar so lange, bis kein Befall mehr beobachtet wird. Verantwortlich für Rattenkontrolle und -bekämpfung ist der Eigentümer bzw. die Eigentümergemeinschaft, die dafür berechtigte Schädlingsbekämpfer zu beauftragen haben
Bei der Rattenkontrolle sucht der beauftragte Schädlingsbekämpfer die gesamte Liegenschaft nach Rattenspuren.

Die Kontrolle umfasst auch Keller, Müllräume, Parkplätze oder Abflusschächte. Für das Monitoring werden giftfreie Nontox-Köder ausgelegt. Entdeckt der Schädlingsbeauftragte Nagespuren von Ratten an diesen Ködern, wird die Hausverwaltung informiert. Diese gibt daraufhin den Auftrag zur Bekämpfung: Es werden neue Köder ausgelegt, und zwar diesmal Köder mit giftigen Wirkstoffen.


Bei den im Köder enthalten Wirkstoffen handelt es sich um gerinnungshemmende Substanzen, ähnlich blutverdünnenden Medikamenten. Sie sorgen dafür, dass die Ratten müde werden, sich in ihren Bau verkriechen und dort innerlich verbluten. Das ist für die Ratte schmerzlos und entspricht den Biozidrichtlinie, die vorschreibt, dass Wirbeltieren durch die Anwendung von Biozidprodukten zur Bekämpfung gesundheitschädlicher Organismen keine unnötigen Leiden oder Schmerzen zugeführt werden. Ratten sind intelligente und vorsichtige Tiere. Würde eine Ratte gleich nach dem Biss in einen Köder verenden, so würde das andere Ratten alarmieren. Sie würden merken, dass mit dem Köder etwas nicht stimmt und sich davon fernhalten, was diesen zur Rattenbekämpfung nutzlos macht.
Die Menge des Wirkstoffes im Köder ist so bemessen, dass sie für Menschen und größeren Haustieren wie Hunden ungefährlich ist. Der größte Teil des Köders – der zwischen 10 und 25 Gramm hat – besteht aus Lockmittel, der eigentliche Wirkstoff macht lediglich 0,05 Gramm aus. Zudem werden die Köder in verschließbaren Köderstationen oder Boxen abgelegt. Diese haben Öffnungen, die gerade groß genug für eine Ratte sind.

Befindet sich die Ratte in der Box, gelangt sie nicht direkt an den Köder sondern muss einmal „um die Ecke biegen“. Durch diese Kon­struktion ist es nicht möglich, dass Menschen mit der Hand hineingreifen und den Köder herausholen können.


Ratten folgen dem Menschen nach
„Eine Stadt komplett rattenfrei zu bekommen ist nicht möglich“, betont Paul Hörmann, Schädlingsbekämpfungsmeister bei Attensam. Ratten sind Kulturfolger. Sie profitieren von der menschlichen Siedlungen und wissen sie auch gut zu nutzen. Wanderratten, die heute die früher weit verbreitete Hausratten verdrängt haben, schwimmen und klettern sehr gut und halten sich am liebsten in der Nähe von Wasser auf. In Städten und Siedlungen bewohnen sie deshalb vor allem die Kanalisation. Dort bleiben sie meist auch. Als Fluchttiere haben Ratten kein Interesse, in den unmittelbaren Lebensraum den Menschen einzudringen. Es sei denn, die Kanalisation wird durch Hochwasser oder Stark­regenereignisse geflutet und die Ratten werden gezwungen, höher gelegenere Räume aufzusuchen. Durch die Kanalisation gelangen sie auch in höhere Stockwerke. Verhindert werden kann das durch Rückstauklappen zum Hauptrohr des Kanals, die für Ratten nicht überwindbar sind. In Altbauten fehlen diese Rückstauklappen möglicherweise, können aber nachträglich eingebaut werden.


Müll zieht Ratten an
Rattenbefall im Keller oder im Innenhof ist oft die Folge von geborstenen Betonkanalrohren oder durchgenagten PVC-Kanalrohren. Manchmal ist auch Nachlässigkeit die Ursache, dann nämlich, wenn eine Rohrreinigungsfirma vergessen hat, die Putzdeckel zu schließen. In den Keller gelockt werden Ratten von dort gelagertem Hausmüll. Ähnliches gilt für Innenhöfe: Wo immer Ratten Müll mit – für sie – essbaren Bestandteilen wittern, suchen sie einen Weg, zum Futter zu gelangen. Haben sie eine solche Nahrungsquelle gefunden, bleiben sie in der Nähe und richten eine Brutstätte sein. Das kann auch in der Nachbarliegenschaft sein. Vielleicht finden sie dort einen idealen Nistplatz – aber für die  Futtersuche bevorzugen  sie Liegenschaften, wo sie reichlich Nahrungsquellen vorfinden. So können auch Liegenschaften mit vorbildlicher Hygienestandards ein Rattenproblem haben.