31.10.2018

Vom Nervenkitzel zum Alltagsverkehrsmittel

Aufzug der Firma Wertheim, Baujahr 1911, in einem Haus in Wien-Margareten

Aufzug der Firma Wertheim, Baujahr 1911, in einem Haus in Wien-Margareten

Die Geschichte des Aufzugs illustriert nicht nur die Entwicklung des technischen Fortschritts. Sie spiegelt auch die Veränderung des Lebens und des Wohnens wider. Der Historiker und Stadtforscher Peter Payer hat mit „Auf und ab“ nun eine Kulturgeschichte des Aufzugs geschrieben.


Allein in Wien gibt es rund 44.000 Personenaufzüge – Rolltreppen und Paternoster miteingeschlossen. Wieviele Höhenmeter täglich damit überwunden und wie viele Personen damit transportiert werden, lässt sich nur sehr schwer abschätzen. Sicher ist nur: Es sind viele!


Der Aufzug – auch Fahrstuhl, Lift  oder „vertikale Hebeeinrichtung für Personen“ genannt – ist ein urbanes Massenverkehrsmittel. Er funktioniert stetig, meist zuverlässig und gehört zu den sichersten Verkehrsmitteln überhaupt. Beachtet wird er kaum. Anders als über Autos, Lokomotiven oder Fahrräder wurden über Aufzüge selten Lobeshymnen gedichtet, und es wurden ihm auch keine Bildbände gewidmet. Bis jetzt.

Der Historiker und Stadtforscher Peter Payer hat nun eine „Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien“ geschrieben. Mit vielen Beispielen schildert er nicht nur die technische Entwicklung und die architektonische Evolution des Fahrstuhls, sondern auch die sozialen und ökonomischen Entwicklungen, die der Aufzug entscheidend mitgeprägt hat.


Einen Vorläufer des modernen Aufzugs ließ Maria Theresia im Westflügel des Schlosses Schönbrunn einbauen. Es war eine von Hand betriebene Hebeinrichtung, die der beleibten Herrscherin das Stiegensteigen ersparte. Einen ähnlichen Aufzug ließ sie später übrigens in der Kapuzinergruft installieren, wo ihr geliebter Gatte Franz bestattet worden war.


Den ersten „echten“ Personenaufzug Wiens ließ Baron Johann von Liebig im Jahr 1869 in sein Palais in der Wipplingerstraße 2 einbauen. Der Antrieb erfolgte hydraulisch. Richtig populär wurden hydraulische Aufzüge im Jahr 1873. Zwei Ereignisse waren dafür ausschlaggebend: die Eröffnung der Wiener Hochquellenleitung, die genügend Wasser für den hydraulischen Antrieb liefern konnte, und die Welt­ausstellung im Prater. In der Rotunde wurden zwei hydraulische Aufzüge installiert, vor denen – zeitgenössischen Berichten zufolge – die Schaulustigen Schlange standen.


Ebenfalls im Wiener Prater fand 1883 die Internationale Elektrische Ausstellung statt. Hier wurde der allererste elektrische Personenaufzug präsentiert. Allerdings wurde erst gegen Ende der Jahrhunderts das Wiener Stromnetz vereinheitlicht, das der Stadt erstmals vernünftige Strompreise brachte.


Die Gründerzeit bescherte Wien ein hohes Bevölkerungswachstum. Die Stadt wuchs – nicht nur ins Umland sondern auch in die Höhe. Die Geschoßzahl der Wohnhäuser nahm zu. Traditionell waren die oberen Geschoße den weniger wohlhabenden Schichten vorbehalten. Aristokratie und Großbürgertum bewohnten den ersten Stock, die „Beletage“, während Dienstboten auf schmalen, steilen Treppen zu ihren Behausungen in den oberen Geschoßen hochsteigen mussten. Mit dem elek­trischen Fahrstuhl verlor der erste Stock seinen bevorzugten Rang. Da man nun alle Geschoße ohne Mühe erreichen konnte, wurden die Stockwerke mehr oder weniger gleichberechtigt. Es gab sogar einen gewissen Drang zu den oberen Geschoßen, weil hier die Licht- und Luftverhältnisse besser waren, und nicht zuletzt weil sie einen weiteren Ausblick boten. Das luxuriöse „Penthouse“ entstand.


Der Einbau eines elektrischen Aufzugs war natürlich mit hohen Kosten für den Hausbesitzer verbunden. Dies rentierte sich nur, wenn er die oberen Geschoße luxuriöser gestaltete und teurer vermietete als zuvor. Auch das bestärkte den Trend „nach oben“.


In den Zeitungen jener Zeit war immer wieder von einer „Aufzugskrankheit“ die Rede. Die Symptome waren – ähnlich wie bei der Seekrankheit – Übelkeit und sogar Brechreiz, hervorgerufen durch das plötzliche Anhalten der Kabine. Ursprünglich war für das mehr oder weniger sanfte Abbremsen und Anfahren noch ein Aufzugswärter nötig. Sein Rang war durchaus angesehen und entsprach dem eines Autochauffeurs oder eines Lokomotivführers. Für seine Dienste erhielt er von den Fahrgästen ein Trinkgeld, das so genannte „Liftsechserl“. Für den Briefträger, der täglich viele Häuser erklimmen musste, waren die vielen Liftsechser eine nicht unbeträchtliche finanzielle Belastung. Manche Hausbesitzer ließen den Briefträger deshalb gratis fahren. Als um 1900 die elektrische Druckknopfsteuerung ausgereift war, machte dies den Liftwart in Wohnhäusern obsolet. Lediglich in Hotels wurde seine Funktion in Gestalt des „Liftboys“ weiter ausgeübt.


Für Hochhäuser und Wolkenkratzer ist ein funktionierender Aufzug eine Conditio sine qua non. In Wien wollte die Wolkenkratzer-Welle der Zwischenkriegszeit allerdings nicht so recht Fuß fassen. Hochhäuser galten zu jener Zeit zwar als Zeichen des Fortschritts. In Wien wurde damals jedoch nur eines realisiert: Das Hochhaus in der Herrengasse 6 bis 8, eröffnet im Jahr 1932. Seine eher bescheidenen 16 Stockwerken und 53 Meter Höhe brachten ihm im Volksmund den Kosenamen„Wolkenkratzerl“ ein.


Nach dem Zweiten Weltkrieg lief die Aufzugsproduktion für das zerstörte Wien wieder voll an. Mitte der 1950er-Jahre kam es aber auch zu einem Aufzugssterben. Viele alte Aufzüge liefen damals nämlich noch mit Gleichstrom. Das Gleichstromnetz wurde zu dieser Zeit jedoch endgültig abgeschaltet und viele Hausbesitzer konnten sich den Umbau nicht leisten.


Anders als Autos sind Aufzüge recht langlebig, und es gibt in Wiener Wohnhäusern noch viele historische Anlagen. Rund 250 Aufzüge sind sogar älter als 100 Jahre. Immer mehr reift das Bewusstsein, dass es sich dabei um wertvolles Kulturgut und architektonische Denkmäler handelt. Der Trend geht deshalb zur so genannten Stilsanierung. Dabei werden Antriebstechnik und Steuerung ausgetauscht, Fahrkorb und Umwehrung aber restauriert und wenn möglich originalgetreu erhalten.

Wie sieht die Zukunft des Aufzugs aus? Peter Payer skizziert in seinem Buch auch Entwicklungen, die sich für die kommenden Jahre abzeichnen. Eine davon bezeichnet er sogar als „Transportrevolution“: Aufzüge sollen in Zukunft von wandernden Magnetfeldern angetrieben werden. So ist es möglich, völlig ohne Seile, in Wohnkomplexen die einzelnen Wohneinheiten sowohl vertikal als auch horizontal miteinander zu verbinden.


Eine weitere Entwicklung, die vielleicht schon bald ins Haus steht, ist die Steuerung der Aufzugkabine mittels App. Die Hausbewohner halten einfach nur ihr Smartphone in die Nähe eines Lesegerätes am Lift. Die künstliche Intelligenz des Aufzugs entscheidet, ob der Besitzer sich auch tatsächlich im Haus aufhalten darf, und in welchem Stockwerk er üblicherweise aussteigt.