Nicht jeder Konflikt zwischen Eigentümern oder zwischen Vermietern und Mietern muss vor Gericht. Mediation ist erprobtes Mittel, um zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen, noch bevor der Streit eskaliert.
Frau G. ist Eigentümerin eines Mehrfamilienhauses. Seit dem Tod ihres Mannes lebt sie allein in einer der Wohnungen, die anderen Wohneinheiten sind vermietet. Frau G. hat zwei erwachsene Töchter und einen erwachsenen Sohn. Sie möchte, dass nach ihrem Tod das Immobilieneigentum gerecht auf ihre Kinder aufgeteilt wird. Die älteste Tochter will das Haus weiterhin im Familieneigentum behalten und auch selbst verwalten. Der Sohn und die jüngere Tochter haben weniger Ambitionen und planen, das Haus zu verkaufen und den Erlös aufzuteilen.
Mit der Hoffnung, zu einer für alle Geschwister befriedigenden Lösung zu gelangen, sucht Frau G. das Gespräch mit ihren Kindern. Rasch zeigt sich, dass die Vorstellungen davon, was unter einer fairen Aufteilung des Erbes zu verstehen ist, unter den Beteiligten deutlich auseinanderlaufen. Eine Einigung kann vorerst nicht erzielt werden. Dieser fiktive Fall ist ein typisches Beispiel für Konflikte, die an Mediatoren und Mediatorinnen herangetragen werden. Mediation – so die etwas abstrakte Definition – ist ein strukturiertes Verfahren, um eine einvernehmliche Beilegung eines Konflikts anzustreben. Dabei wird ein Mediator oder eine Mediatorin hinzugezogen – eine unbeteiligte, ausgebildete und zertifizierte Person, die aus der Position der Allparteilichkeit durch den Prozess führt.
Allparteilichkeit bedeutet, dass der Moderator oder die Moderatorin die Anliegen aller beteiligten Parteien berücksichtigt und sie – wenn notwendig – darin unterstützt, ihre Motive zu erkennen und ihre Anliegen zu formulieren. Dies ist etwas anderes als Neutralität: Ein neutraler oder unparteiischer Beobachter steht auf keiner Seite. Er urteilt nach externen Parametern wie Wahrheit oder Gerechtigkeit. Ein allparteilicher Begleiter steht – wie der Name schon sagt – auf Seiten aller Parteien und wertet oder urteilt nicht. Er begleitet sie auf dem Weg zu einer Lösung, mit der alle zufrieden sind.
Bei der Mediation geht man vom offenbaren Streitfall aus – im Falle der Weitergabe von Immobilien von der Frage, wie diese gerecht verteilt werden sollen. Von hier aus arbeitet sich der Mediator oder die Mediatoren zu den Wurzeln vor, die dem Konflikt zugrunde liegen, wie der Mediator Ulrich Wanderer erklärt: „Es geht nicht um die Eigentumsübertragung an sich. Es geht um die Emotionen, die damit verbunden sind, um Missverständnisse, die sich aufgebaut haben und die nie aufgeklärt worden sind.“
Im fiktiven Fall von Frau G. könnten unterschiedliche Vorstellungen vom Wert des Eigentums eine Rolle spielen. Eigentum als Familienverantwortung und Wert für kommende Generationen – oder einfach nur als Investition. Mit der Immobilie könne starke Emotionen verknüpft sein – im positiven als auch im negativen Sinn. Dann geht es nicht nur um den Geldwert allein. Obwohl auch Geld und die Erwartungen, die damit verknüpft sind, eine Rolle spielen
Kein Fall ist wie der andere
Ulrich Wanderer blickt auf bald zwanzig Jahre Tätigkeit als selbständiger Mediator zurück. Lebenserfahrung und Interesse für Menschen sind die wichtigsten Eigenschaften, die einen guten Mediator oder eine gute Mediatorin auszeichnen. Darüber hinaus auch Sachkenntnis: „Man muss nicht unbedingt Spezialist im Wohnrecht sein. Aber es ist empfehlenswert, bereits das eine oder andere Jahrzehnt in diesem Bereich gearbeitet zu haben“ erklärt Wanderer. Ein Fehler den Mediatorinnen und Mediatoren auf keinen Fall machen dürfen, sei, zu glauben, eine Mediation sei wie die andere: „Jede Fall ist einzigartig und verlangt nach einem individuellen Vorgehen. Das ist anderes als das klassische juristische Vorgehen.“
Konflikte bei gemeinsamem ‚Wohnungseigentum
Bei Immobilien, die im Besitz mehrerer Parteien stehen, sind Uneinigkeiten vorprogrammiert. Zum Beispiel, wenn es um die Finanzierung von größeren Sanierungsvorhaben geht. Oder um aufwändige Investitionen wie die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Große Hausverwaltungen ziehen deshalb oft frühzeitig externe Experten im Konfliktmanagement hinzu, um Lösungen zu finden.
Ein typischer Fall für Mediation bei gemeinsamem Wohnungseigentum ist die Frage, was im Falle einer Scheidung mit der Wohnung geschehen soll. Das ist vor allem dann kritisch, wenn gemeinsame Kinder darin wohnen. Um eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung zu finden, sind hier auch ungewöhnliche Wege möglich, wie Wanderer aus Erfahrung weiß
Konflikte zwischen Vermietern und Mietern
In der Mediation müssen alle Parteien fühlen, dass sie gehört werden und auf Augenhöhe kommunizieren können. Niemand soll das Gefühl haben, ein Verlierer oder ein Gewinner zu sein. Das macht die Mediatorin zwischen Vermietern und Mietern zu einer Herausforderung, da hier ein vermeintliches Gefälle besteht, erklärt Wanderer: „In vielen Fällen sehen sich beide Parteien vom Mietrecht benachteiligt. Wenn man sich aber von vornherein als der Schwächere definiert, glaubt man, auch Mittel anwenden zu dürfen, um sich den vermeintlich Stärkeren zu wehren.“
Aber auch in diesen Fällen sei es die Aufgabe des Mediators oder der Mediatorin, nicht nur auf den Anlassfall zu schauen, sondern auch zu analysieren, was dahinterliegt. Das bedeutet, zu fragen, ob hinter dem schwelenden Konflikt nicht ein anderer, älterer Konflikt steht. Der aktuelle wäre dann lediglich der Anlassfall, der eine Partei „explodieren“ lässt. „Man muss als Mediator stets analysieren, was hinter dem schwelenden Konflikt liegt“, erklärt Wanderer.
Das Prinzip Freiwilligkeit
Mediation basiert auf dem Konzept der Freiwilligkeit. Das bedingt auch, dass keine der Parteien der Mediation nur pro forma, aus strategischen Gründen zustimmt. Ein besonderer Fall liegt auch dann vor, wenn der Konflikt bereits vor Gericht verhandelt wird und der Richter oder die Richterin eine Mediation empfiehlt. Hier besteht die Gefahr, dass eine oder beide Parteien darin einwilligt, ohne an einer Mediation wirklich interessiert zu sein. Eine Ablehnung würde die eigene Situation schwächen, da diese ein Zeichen für Widerspenstigkeit wäre; ein Signal dafür, dass sie an einer konstruktiven Lösung nicht interessiert ist. Aber auch in dieser Situation sieht Wanderer Positives: Allein, dass das Thema „Mediation“ überhaupt in die Diskussion eingebracht wurde, bringt die Parteien möglicherweise dazu, ihren Standpunkt zu überdenken und alternative Lösungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. „Das ist schon viel mehr, als viele Streitparteien es vor Gericht jemals geschafft haben“, so Wanderer. „Jeder Kontakt, der zur Mediation hergestellt wird, ist prinzipiell gut.“ Selbst eine abgebrochene Mediation kann hilfreich sein: Weil die Parteien über wertschätzende Kommunikation zumindest einmal geredet haben.
Was passiert bei einer Mediation?
Der erste Satz, den Wanderer bei einer Mediation an die Parteien richtet, lautet: „Wie geht es Ihnen?“ Eine banale Bemerkung, aber dahinter steckt mehr. Als erfahrener Mediator beobachtet Wanderer, wie die Menschen darauf reagieren. Körpersprache, Mimik und Händedruck zeigen ihm, wie es dem Gegenüber wirklich geht. Langsam komme er so an die Menschen heran, bis zu dem Augenblick, der einen Blick hinter die Maske gewährt.
Dabei ist es enorm wichtig, dass sich beide Parteien wahrgenommen fühlen. Deshalb stellt Wanderer immer wieder auch Augenkontakt mit jener Partei her, die gerade zuhört. Um zu sehen, ob diese noch bei der Sache ist, oder ob Wanderer sie wieder „hereinholen“ muss. Und wenn ein bestimmtes Wort fällt, bei dem die andere Partei die Augen verdreht, dann ist das ein Zeichen, das darauf hindeutet, worum es im Konflikt wirklich geht.
Eine Mediation kann in zwei bis drei Sitzungen beendet sein. Andere ziehen sich über Monate. Dies ist oft bei Erbschaftsmediation der Fall, wo man tief in die Familiengeschichte eintaucht. Im Idealfall endet die Mediation mit Erleichterung. Gelegentlich auch mit Tränen: Als Zeichen dafür, dass eine große Last von einem genommen wurde. Doch wie Wanderer betont: Keine Mediation ist wie die andere. Auf jede Situation muss der Mediator oder die Mediatorin mit einem Gemisch aus Einfühlungsvermögen und Erfahrung individuell reagieren. Hier findet jede gute Mediatorin und jeder gute Mediator ihren oder seinen eigenen Weg. Am Schluss steht eine Vereinbarung, welche die Beteiligten gemeinsam treffen müssen. Es geht um einvernehmliche Lösungen – zwischen Parteien, die mit dieser Lösung möglicherweise noch jahrelang leben müssen.