Stadt­rä­tin Elke Hanel-Torsch will mit „Popu­lis­mus statt Lösun­gen“ punk­ten. Ver­mie­ter­ver­tre­ter war­nen vor einer wei­te­ren Ver­schlech­te­rung der Schief­la­ge am Wie­ner Woh­nungs­markt.

Die Aus­sa­gen der neu­en Wohn­bau stadt­rä­tin Mag. Elke Hanel-Torsch sor­gen auf Ver­mie­ter­sei­te für schar­fe Kri­tik. Die For­de­rung nach stren­ge­ren Miet­ober­gren­zen, Stra­fen für Ver­mie­ter und die Ver­harm­lo­sung des rück­läu­fi­gen Inves­ti­ti­ons­vo­lu­mens beim Neu­bau sowie bei Sanie­run­gen gehen an den tat­säch­li­chen Pro­ble­men des Wie­ner Woh­nungs­mark­tes vor­bei und dro­hen, die Lage wei­ter zu ver­schär­fen.

Offen­sicht­lich igno­riert die Wohn­bau­stadt­rä­tin die Situa­ti­on vie­ler pri­va­ter Mehr­par­tei­en­haus­be­sit­zer, die seit Jah­ren kei­ne Valo­ri­sie­rung der Mie­ten durch­füh­ren konn­ten. Wenn Hanel-Torsch in die­sem Zusam­men­hang davon spricht, dass man mit Ver­mie­tung gut ver­dient, so ist dies rea­li­täts­fern. Vie­le Ver­mie­ter kämp­fen durch die stei­gen­den Kos­ten für Instand­hal­tung und Sanie­rung, ihre Immo­bi­lie zu erhal­ten.

ÖHGB-Prä­si­dent RA Dr. Mar­tin Prun­bau­er fasst zusam­men, was die neue Wohn­bau­stadt­rä­tin mit ihren For­de­run­gen bewirkt: „Wie rui­nie­re ich den Miet­markt und scha­de den Mie­tern, um kurz­fris­tig mit popu­lis­ti­schen Ste­reo­ty­pen zu punk­ten?“

Valo­ri­sie­rung von Gebüh­ren ist selbst­ver­ständ­lich
Ärger­lich stimmt den Eigen­tü­mer­ver­tre­ter die Tat­sa­che, dass im Gegen­satz zu den Haupt­miet­zin­sen die Stadt Wien regel­mä­ßig die Gebüh­ren für Kanal, Was­ser, Müll u.v.m. valo­ri­siert hat. Als Recht­fer­ti­gung wur­de regel­mä­ßig vor­ge­bracht, dass man inves­tie­ren müs­se. „Und Ver­mie­ter etwa nicht?“, kri­ti­siert Prun­bau­er.

Unglei­che Situa­ti­on zwi­schen öffent­li­chem und pri­va­tem Miet­sek­tor
Hin­zu kommt, dass Ver­mie­ter ihre Ein­nah­men regel­mä­ßig ver­steu­ern müs­sen. Die Stadt Wien, die die Stadt­rä­tin her­vor­hebt, zahlt hin­ge­gen kei­ne Ein­kom­mens- oder Kör­per­schafts­steu­er, weil die­se Tätig­keit unter „Ver­mö­gens­ver­wal­tung“ ein­ge­stuft wird. Die­se und noch vie­le ande­re Vor­tei­le im öffent­li­chen Miet­sek­tor benach­tei­li­gen den pri­va­ten Miet­markt

Wohn­kos­ten­be­las­tung seit Jah­ren unver­än­dert
Seit meh­re­ren Jah­ren ist die Wohn­kos­ten­be­las­tung in Öster­reich laut Sta­tis­tik Aus­tria nahe­zu unver­än­dert und liegt bei rund 19 Pro­zent des Haus­halts­ein­kom­mens. Im euro­päi­schen Ver­gleich liegt Öster­reich damit unter dem Durch­schnitt.

Fehl­be­le­gung im sozia­len Wohn­bau als Kern­pro­blem
Ein zen­tra­ler Miss­stand wird von der Stadt Wien kon­se­quent und beharr­lich igno­riert: Auf­grund der mas­si­ven Fehl­be­le­gung im öffent­li­chen Miet­sek­tor leben mitt­ler­wei­le fast 40 Pro­zent der Haus­hal­te mit hohem Ein­kom­men (Medi­an­ein­kom­men über 180 Pro­zent) in einer Gemein­de- oder Genos­sen­schafts­woh­nung. Die Berech­nun­gen basie­ren auf den zuletzt ver­öf­fent­lich­ten Daten der Sta­tis­tik Aus­tria („Woh­nen 2024“, EU-SILC).

„Das bedeu­tet, dass ein erheb­li­cher Teil der wirk­lich gut­ver­die­nen­den Haus­hal­te güns­ti­gen, öffent­lich geför­der­ten Wohn­raum blo­ckiert, wäh­rend ein­kom­mens­schwä­che­re Men­schen in den pri­va­ten Miet­markt gedrängt wer­den“, so Prun­bau­er, der ergänzt: „Die­se Schief­la­ge hat sich in den letz­ten Jah­ren ver­schärft.

Stadt Wien ver­wei­gert not­wen­di­ge Refor­men
Anstatt gegen­zu­steu­ern, weicht die Stadt auf immer neue Regu­lie­run­gen im pri­va­ten Miet­markt aus. „Die Poli­tik for­dert stren­ge­re Regeln für Pri­va­te, weil sie selbst nicht bereit ist, den mit Steu­er­geld finan­zier­ten sozia­len Wohn­bau effi­zi­ent zu steu­ern“, so Prun­bau­er wei­ter.

Der Stel­len­wert der Objekt­för­de­rung in Öster­reich ist hoch: Die öffent­li­che Hand ver­fügt in Wien über 60 Pro­zent des gesam­ten Miet­woh­nungs­be­stan­des. Mit die­sem Anteil müs­sen jene Mit­bür­ger, die sich nicht am pri­va­ten Woh­nungs­markt ver­sor­gen kön­nen, leicht mit Wohn­raum ver­sorgt wer­den kön­nen. Das geschieht aber nicht. Mehr als die Hälf­te der För­der­wür­di­gen mit weni­ger als 60 Pro­zent des Medi­an­ein­kom­mens müs­sen sich auf­grund der Fehl­be­le­gung im pri­va­ten Woh­nungs­markt ver­sor­gen.
Inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen wie die OECD haben Öster­reich jüngst auf­ge­for­dert, die Zugangs­kri­te­ri­en zum sozia­len Wohn­bau zu dros­seln – etwa nach dem Vor­bild der Nie­der­lan­de. Der­zeit erfül­len rund 80 Pro­zent der Bevöl­ke­rung die Vor­aus­set­zun­gen für eine Gemein­de­woh­nung. In Wien darf ein Ein­per­so­nen­haus­halt der­zeit jähr­lich mehr als 61.000 Euro net­to p.a. ver­die­nen, um noch die Zugangs­kri­te­ri­en zu erfül­len. Die OECD emp­fiehlt zudem eine regel­mä­ßi­ge Kon­trol­le der Anspruchs­be­rech­ti­gung und bei Über­schrei­ten eine Erhö­hung der Miet­zin­se. Genau die­se bei­den Punk­te der OECD for­dert der ÖHGB seit lan­gem.

Leis­tungs­ge­rech­tig­keit statt Ghet­toi­sie­rung
Das von der Wohn­bau­stadt­rä­tin ins Tref­fen geführ­te Argu­ment der gewünsch­ten sozia­len Durch­mi­schung, das für ein­kom­mens­star­ke Bewoh­ner einer Gemein­de­woh­nung eine höhe­re Mie­te recht­fer­ti­gen soll­te, lie­ße sich rela­tiv ein­fach erfül­len. „Wer mehr ver­dient, kann in einer Gemein­de­woh­nung blei­ben, soll aber, solan­ge er nicht (wie­der) för­der­wür­dig ist, auch mehr zah­len – das ist sozi­al gerecht und ver­hin­dert Fehl­be­le­gung eben­so wie Ghet­toi­sie­rung“, erläu­tert Prun­bau­er das Kon­zept des ÖHGB. Die Mehr­ein­nah­men müs­sen im Rah­men der Sub­jekt­för­de­rung für jene Ver­wen­dung fin­den, die auf Unter­stüt­zung ange­wie­sen sind und wegen der Fehl­be­le­gung kei­ne Gemein­de­woh­nung erhal­ten. Schon jetzt ist ein Rück­gang der Bau­be­wil­li­gun­gen in Höhe von 40 Pro­zent zu ver­zeich­nen.

Woh­nungs­su­chen­de wer­den zukünf­tig auf Pro­ble­me sto­ßen.
„Wer die Augen vor den eige­nen Ver­säum­nis­sen ver­schließt und statt­des­sen pri­va­te Ver­mie­ter zum Feind­bild erklärt, wird die Wohn­kri­se nicht lösen – son­dern wei­ter anhei­zen“, so Prun­bau­er abschlie­ßend.

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