All­tags­taug­lich­keit und Wohn­qua­li­tät las­sen sich nicht allein aus dem Grund­riss­plan einer Woh­nung able­sen. Die Bedürf­nis­se der künf­ti­gen Bewoh­ner müs­sen bereits bei der Pla­nung mit­ge­dacht wer­den.

Die Grün­de für eine Tei­lung, Zusam­men­le­gung oder Auf­sto­ckung mögen unter­schied­lich sein. Der Grund­ge­dan­ke bleibt jedoch der­sel­be: den vor­han­de­nen Raum neu ein­zu­tei­len, um ihn den Bedürf­nis­sen der aktu­el­len und künf­ti­gen Bewoh­ner best­mög­lich anzu­pas­sen.

Bau­ord­nun­gen, Mate­ria­li­en, Grö­ße und Zustand des Bestands, Zeit und nicht zuletzt das Bud­get geben einen Rah­men vor. Das bedeu­tet, Kom­pro­mis­se schlie­ßen zu müs­sen. Es bedeu­tet aber auch, dass es kei­ne Lösung von der Stan­ge geben kann – kei­nen Grund­riss, der auf alle Situa­tio­nen passt. Oft zeigt sich erst im All­tag, dass eine Pla­nung wenig opti­mal war: Das Bad ist unprak­tisch, Steck­do­sen sind falsch plat­ziert, es gibt zu wenig Platz für einen Fami­li­en­ess­tisch oder eine Tür öff­net sich in die fal­sche Rich­tung. Grund­ris­se, die tech­nisch per­fekt schei­nen, sind nicht auto­ma­tisch all­tags­taug­lich. Räu­me müs­sen funk­tio­nie­ren – und das erkennt man auf einem zwei­di­men­sio­na­len Plan oft nicht

Den All­tag vor­ab simu­lie­ren
Bevor der ers­te Ham­mer­schlag fällt, bevor die ers­te Tro­cken­bau­wand ein­ge­zo­gen oder die ers­te Flie­se ver­legt wird, soll­te man dar­über nach­den­ken, wo das Licht ein­fällt, wo Men­schen sit­zen und wo Din­ge ver­staut wer­den. Dazu gehört auch die Fra­ge, wer die Bewoh­ner sein wer­den. Eine Woh­nung muss zu ihren Nut­zern pas­sen; das soll­te bereits bei der Grund­riss­pla­nung berück­sich­tigt wer­den. Kin­der­zim­mer mit sie­ben Qua­drat­me­tern sind zu klein, vor allem wenn die Kin­der älter wer­den. Ande­rer­seits ver­liert ein offe­ner Grund­riss sei­ne Attrak­ti­vi­tät, wenn jeg­li­che Zonie­rung fehlt.

Hier hilft es, bei der Grund­riss­pla­nung die Möblie­rung und Beleuch­tung mit­zu­den­ken sowie All­tags­we­ge zu simu­lie­ren. Beson­ders nütz­lich ist dabei die Vir­tu­el­le Rea­li­tät (VR), die es ermög­licht, geplan­te Räu­me mit­tels VR-Bril­le bereits vor­ab zu durch­schrei­ten, Licht­ver­hält­nis­se zu simu­lie­ren und Atmo­sphä­ren zu erle­ben. Die­se Tech­no­lo­gie steckt in Öster­reich aller­dings noch in den Anfän­gen. Sie wird vor allem für Pres­ti­ge­pro­jek­te und in Show­rooms für hoch­ka­rä­ti­ge Inves­to­ren ein­ge­setzt. In der all­täg­li­chen Pla­nung ist VR – anders als etwa in Asi­en oder Skan­di­na­vi­en – noch wenig ver­brei­tet.
Im All­tag unter­lie­gen Räu­me einer gewis­sen Ord­nung und Hier­ar­chie, und die Abläu­fe fol­gen einer mehr oder weni­ger fes­ten Cho­reo­gra­fie. Wohin füh­ren die ers­ten Wege nach dem Auf­ste­hen? Ins Bad und danach in die Küche. Es liegt daher nahe, Bad und Küche in der Nähe des Schlaf­zim­mers zu situ­ie­ren. Das mag banal klin­gen. Doch wenn man sich die Mühe macht, die Wege eines typi­schen Tages auf dem Grund­riss ein­zu­zeich­nen, erkennt man rasch, wo Eng­stel­len ent­ste­hen und wo Wege umständ­lich ver­lau­fen oder sich über­la­gern.

Feh­len­der Stau­raum, feh­len­de Steck­do­sen
Ein ver­brei­te­ter Pla­nungs­feh­ler ist feh­len­der oder falsch kon­zi­pier­ter Stau­raum. In der Pra­xis führt dies dazu, dass eine Woh­nung unwohn­lich wirkt, weil Gegen­stän­de her­um­lie­gen und kei­nen fes­ten Platz haben. Eine früh­zei­ti­ge Ana­ly­se der wahr­schein­li­chen Bedürf­nis­se künf­ti­ger Bewoh­ner kann dem ent­ge­gen­wir­ken.

Auch auf Strom‑, Licht- und Kli­ma­tech­nik beim Pla­nen zu „ver­ges­sen“, kann spä­ter teu­er wer­den. Bereits früh soll­te bedacht wer­den, wo die Wasch­ma­schi­ne ste­hen soll. Eben­so soll­te berück­sich­tigt wer­den, dass sich die Lebens­um­stän­de der Men­schen seit der letz­ten Reno­vie­rung ver­än­dert haben. In der Küche ste­hen heu­te deut­lich mehr Gerä­te, die eine Steck­do­se benö­ti­gen, als noch vor zwan­zig Jah­ren. Steck­do­sen in aus­rei­chen­der Anzahl und an den rich­ti­gen Stel­len sind auch für das heu­te selbst­ver­ständ­li­che Home­of­fice uner­läss­lich.

Fle­xi­bi­li­tät ist gefragt
Pla­nen heißt auch vor­aus­zu­schau­en: Wel­che Bedürf­nis­se wer­den künf­ti­ge Bewoh­ner haben? Wie wird sich das All­tags­le­ben ver­än­dern? Natür­lich kann nie­mand in die Zukunft sehen. Doch man kann berück­sich­ti­gen, dass sich die Ansprü­che an das Woh­nen ändern, und Räu­me so pla­nen, dass sie sich an neue Anfor­de­run­gen leicht anpas­sen las­se
Fami­li­en bekom­men Kin­der, spä­ter zie­hen die­se wie­der aus. Men­schen wer­den pfle­ge­be­dürf­tig und benö­ti­gen viel­leicht sogar eine 24-Stun­den-Betreu­ung. Bewoh­ner wün­schen sich einen eige­nen Raum für das Home­of­fice oder für ein neu­es Hob­by. Hier ist Fle­xi­bi­li­tät gefragt. Rever­si­ble Ein­bau­ten, Schie­be­tü­ren und mul­ti­funk­tio­nal nutz­ba­re Räu­me – qua­si als Reser­ve – kön­nen dabei hel­fen.

Usa­bi­li­ty
Ein Umbau ist immer Team­ar­beit und erfor­dert die Zusam­men­ar­beit ver­schie­de­ner Pla­ner und Gewer­ke. Das hat den Vor­teil, dass Auf­ga­ben und Lösun­gen aus unter­schied­li­chen fach­li­chen Blick­win­keln betrach­tet wer­den kön­nen – vor­aus­ge­setzt, die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Betei­lig­ten funk­tio­niert. Wich­tig ist dabei auch, dass sich Auf­trag­ge­ber und Bau­her­ren aktiv ein­brin­gen.

Tech­nisch und archi­tek­to­nisch funk­tio­nie­ren­de Grund­ris­se und Räu­me sind das eine. Doch Räu­me müs­sen mit Leben gefüllt wer­den. Ob sich Men­schen in einer Woh­nung wohl­füh­len, hat zwar viel mit Funk­tio­na­li­tät und All­tags­taug­lich­keit zu tun, aber nicht aus­schließ­lich. Für Atmo­sphä­re und Wohn­qua­li­tät spie­len zahl­rei­che Fak­to­ren eine Rol­le: die Akus­tik der Räu­me, Rück­zugs­mög­lich­kei­ten wie Nischen, Pri­vat­sphä­re, Gerü­che oder das Zusam­men­spiel von Far­be und Licht.

Ein Fami­li­en­wohn­zim­mer muss es aus­hal­ten, dass hin und wie­der Spiel­zeug her­um­liegt. Bei gesel­li­gen Zusam­men­künf­ten soll­te es mög­lich sein, dass sich meh­re­re Per­so­nen gleich­zei­tig in der Küche auf­hal­ten, ohne ein­an­der im Weg zu ste­hen. Klein­kin­der brau­chen Sicht­kon­takt zu ihren Eltern, auch wenn sie ver­tieft auf dem Boden spie­len. Als Teen­ager benö­ti­gen sie spä­ter Raum für Geheim­nis­se und die Mög­lich­keit, unge­stört Musik zu hören und zu träu­men.

In der Infor­ma­ti­ons­tech­nik spricht man von der „Usa­bi­li­ty“ einer Web­site oder App. Die­ser Begriff beschreibt, wie intui­tiv eine Anwen­dung gestal­tet ist und wie leicht sie sich bedie­nen lässt. Beim Woh­nen ist die­ser Aspekt wesent­lich kom­ple­xer, da hier zahl­rei­che unter­schied­li­che Anfor­de­run­gen und Bedürf­nis­se berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Ande­rer­seits braucht es weder Spe­zi­al­wis­sen noch Hexe­rei, um die Usa­bi­li­ty einer Woh­nung zu ana­ly­sie­ren. Das nöti­ge Wis­sen stammt aus dem All­tag und aus Erfah­rung. Ent­schei­dend ist, unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven ein­zu­neh­men und die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len.

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