Die Zahl der Gründerzeit-Zinshäuser in Wien ging auch im vergangen Jahr wieder zurück. Die Zahlen des Zinshausmarktes zeigen aber, dass Zinshäuser nach wie vor attraktive Anlageprodukte sind.
Das Jahr 1848 war eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Das Bürgertum erhob sich gegen die absolutistische Herrschaft und forderte neben Meinungsfreiheit und politischer Mitsprache auch den garantierten Schutz des Eigentums. Das hatte Auswirkungen auf das Wiener Wohnungswesen. Zwischen 1800 und 1910 wuchs die Einwohnerzahl der damaligen Reichshauptstadt von 250.000 auf über zwei Millionen. Das erhöhte den Bedarf an Wohnraum, und das selbstbewusst gewordene Bürgertum reagierte darauf mit dem Bau von Zinshäusern. In den äußeren Bezirken prägte Blockrandbebauung die neu entstandenen Quartiere. Da sich viele Bauherren die Bebauung eines gesamten Blocks nicht leisten konnten, entstanden Blocks aus mehreren selbstständigen Einzelhäusern.
Nach 1848 wurde Wien unter Kaiser Franz Joseph umgestaltet. Die Stadtmauern wurden geschleift, und anstelle des ehemaligen Glacis entstand die Ringstraße mit ihren beeindruckenden Prachtbauten. Private Bauherren übernahmen die Formensprache dieser Repräsentationsgebäude und schmückten nun auch die zuvor eher einfach gehaltenen Zinshäuser mit dekorativen Fassadenelementen. Dieser Fassadenschmuck – oft industriell hergestellte Serienprodukte – ist heute ein typisch wienerisches Phänomen.
Anzahl der Zinshäuser sinkt
Zinshäuser haben heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie zur Zeit der Donaumonarchie. Ihr Bestand geht langsam zurück – seit 2009 hat sich der Bestand um 14 % verringert, wie der „Zinshaus Marktbericht“ von OTTO Immobilien offenlegt. Zum großen Teil ist dies der Parifizierungen und der Begründung von Wohneigentum geschuldet. Abrisse von Gründerzeit-Zinshäusern sind selten, was auf ihre hohe bauliche Qualität und ihre ausgezeichnete Adaptierbarkeit hinweist.
Zinshaus-Markt im Aufschwung
Dass Gründerzeit-Zinshäuser nach wie vor attraktive Anlageobjekte sind, zeigt sich in den Zahlen des Zinshausmarktes. Im vergangenen Jahr wurden ein Transaktionsvolumen von rund EUR 1,04 Mrd. und 348 registrierte Verkäufe verzeichnet. Damit wurde erstmals seit 2022 wieder die Milliardenmarke geknackt, so Eugen Otto, Geschäftsführer von OTTO Immobilien.
Die Preise am Wiener Zinshausmarkt haben sich insgesamt stabilisiert – in einzelnen Bezirken sind erstmals seit Jahren wieder Anstiege zu verzeichnen. In den Bezirken 1, 4 und 9 wurden Steigerungen der Mindestpreise zwischen 2 % und 6 % registriert. Die Maximalpreise legten im Bezirksdurchschnitt um rund 1 % zu, im 4. und 9. Bezirk sogar um durchschnittlich rund 8 %.
Der Minimalpreis liegt aktuell bei EUR 1.540 pro m², die Maximalpreise in Toplagen erreichen bis zu EUR 10.557 pro m². Die Durchschnittsrendite liegt bei 3,15 %. Im Großteil der Außenbezirke liegen Maximalrenditen zwischen 3 und 4 %, so OTTO Immobilien. Die Spitzenrenditen in den inneren Bezirken liegen zwischen rund 1,4 und 2,4 %. „Zinshäuser in guten Lagen werden wieder als das gesehen, was sie sind, nämlich eine langfristig stabile Anlage mit nachhaltigem Mietzinspotenzial“, interpretiert Philipp Maisel, Leiter Investment bei OTTO Immobilien, diese Zahlen.